Es gibt keinen besseren Weg, Sie in meine Philosophie einzuführen, als über einen Witz, der mir besonders am Herzen liegt.
Sherlock Holmes und Dr. Watson machen einen Campingausflug. Mitten in der Nacht stößt Holmes seinen Freund Watson wach.
Holmes: „Watson, schauen Sie in den Himmel und sagen Sie mir, was Sie sehen.“
Watson: „Ich sehe Milliarden von Sternen, mein lieber Holmes.“
Holmes: „Und was schließen Sie aus diesen Sternen?“
Watson: „Nun, einiges“, sagt er und zündet sich seine Pfeife an: „Astronomisch betrachtet sehe ich, dass es Milliarden von Galaxien und Milliarden von Sternen und Planeten gibt. Horologisch folgere ich, dass es ungefähr viertel nach drei ist. Meteorologisch erwarte ich, dass das Wetter morgen schön und klar sein wird. Theologisch erkenne ich, dass Gott allmächtig ist und der Mensch, seine Schöpfung, klein und unbedeutend. Und was folgern Sie, Holmes?“
Holmes: „Watson, Sie Dummkopf. Jemand hat unser Zelt gestohlen!“
Ja, Wissen steht oft im Wege der Erkenntnis. Willkommen zu meiner Philosophie und viel Vergnügen!
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Die Physik der Kriegsspirale und ihre Opfer
Warum muss das Beenden von Kriegen ein für alle Mal, zum einzigen legitimen Ziel jeder Politik werden?
Wenn kriegerische Konflikte analysiert werden, greifen Historiker und Soziologen häufig auf die Sprache der Naturwissenschaften zurück, um die Dynamik der Gewalt zu beschreiben. In der Soziologie des Krieges wirkt das Phänomen, das als „Kriegsspirale“ bekannt ist, nach Prinzipien, die erschreckend an Newtons Gesetz von Aktion und Reaktion erinnern. In menschlichen Konflikten ist diese Reaktion jedoch fast nie gleich stark; sie ist asymmetrisch, genährt von existenzieller Angst, kollektiven Traumata und dem Wunsch nach Vergeltung.
Die anfänglichen Verbrechen einer Seite setzen einen dialektischen Prozess in Gang, in dem die andere Seite entmenschlicht wird. Der Feind hört auf, ein einzelner Mensch mit Vor- und Nachnamen zu sein, und wird zu einem Kollektiv, das beseitigt werden muss. Dieser Text hat nicht die Absicht, Leid abzuwägen oder zu messen, denn jede Träne und jedes ausgelöschte Leben haben dasselbe Gewicht. Dieser Text hat zum Ziel es zu unterstreichen, dass die größte Pflicht der Politik darin bestehen sollte, Kriege zu verhindern. Das ist nur möglich, wenn man der Kriegsspirale ihren Treibstoff entzieht — denn Opfer führen zum Bedürfnis nach Rache, und dieses führt zu neuen Opfern und einem neuen Bedürfnis nach Rache und so dreht sich immer weiter ein Teufelskreis aus dem man nur schwer entrinnen kann.
Das Verständnis dieser „Physik der Gewalt“ ist kein Instrument zur Amnestierung der Täter oder zur Relativierung von Verbrechen. Im Gegenteil: Es ist der einzige Weg zu verstehen, wie Krieg zu einem sich selbst erhaltenden Mechanismus wird, der Menschen und Moral gleichermaßen verschlingt und hinter sich nur Massengräber auf allen Seiten zurücklässt.
Viele Kriege haben auf unserem Planeten stattgefunden. Einer der besonders gewaltsamen und blutigen Kriege, der sich vor nicht allzu langer Zeit auf dem europäischen Kontinent ereignete, war im Vergleich zu den großen Kriegen, die zig Millionen Opfer forderten, zwar relativ klein, zeigt aber zugleich die menschliche Grausamkeit und die Logik dieser Kriegsspirale. Es handelt sich um den Krieg in Bosnien und Herzegowina zwischen 1992 und 1995.
Viele Kriegshandlungen und Verbrechen fanden in diesem Krieg statt, der insgesamt über 80.000 Opfer hatte. Die Kriegshandlungen und Verbrechen in und um Srebrenica bleiben jedoch, auch heute, 30 Jahre nach dem Ende dieses Krieges deutlich mehr in Gesprächen als andere.
Die lokale Gewaltspirale im Gebiet der Gemeinden Srebrenica, Bratunac, Vlasenica und Zvornik wurde im Frühjahr 1992 in Gang gesetzt. Systematische Angriffe von Einheiten der Armee Bosnien und Herzegowinas (ABiH) aus Srebrenica auf umliegende serbische Dörfer führten zur vollständigen Verwüstung der serbischen zivilen Infrastruktur. Nach Angabe verschiedener Quellen wurde dieser Region über 90 Prozent der serbischen Vorkriegsbevölkerung vernichtet oder vertrieben, durch eine Welle schwerer Verbrechen, Folterungen und Brandstiftungen, bei denen 156 ethnisch serbische Dörfer und Siedlungen zerstört und niedergebrannt wurden während anschließend in einem organisierten und an verschiedenen Orten begangenen Verbrechen in 1995 über 8000 männliche Bosniaken von Seiten der Armee der Republika Srpska hingerichtet wurden.
Schauen wir uns diese Chronologie der Ereignisse in etwas mehr Detail an:
A) Mai – Juni 1992: Der Beginn
Gniona und Blječeva (6. Mai 1992 – Đurđevdan): Die ersten Ziele lokaler Einheiten aus Potočari. In Gniona wurden ältere serbische Einwohner getötet, darunter der bewegungsunfähige Radojko Milošević (74), der lebendig in seinem Haus verbrannt wurde. Die Dörfer wurden vollständig geplündert und niedergebrannt.
Vijogor, Osredak, Kovačice und Orahovica (15. Mai 1992): In einer koordinierten Aktion wurden diese serbischen Weiler niedergebrannt. Mehrere Zivilisten wurden auf ihren Türschwellen getötet, und das Eigentum wurde vollständig verwüstet und geplündert.
Oparci und Obadi (Mai/Juni 1992): Die Dörfer erlitten brutale Überfälle. In Oparci wurden sechs Zivilisten getötet, darunter drei Mitglieder der Familie Petrović. Die Häuser wurden zerstört, um jede Rückkehr der Bevölkerung zu verhindern.
Ratkovići, Magdovići, Kaludra und Brađevina (21. Juni 1992): In den frühen Morgenstunden wurden 24 Menschen getötet, überwiegend Zivilisten. Die bewegungsunfähige Živana Prodanović wurde auf grausame Weise getötet, und ältere Frauen kamen in brennenden Häusern ums Leben. Die Dörfer wurden dem Erdboden gleichgemacht.
Brežani (30. Juni 1992): Bei dem Angriff wurden 32 Zivilisten und Soldaten getötet. Viele Opfer erlitten schwere Folter; einige wurden enthauptet aufgefunden, andere lebendig verbrannt. Die älteren Dorfbewohner Miloš Novaković (85) und Vidosava Trifunović (75) wurden auf grausame Weise auf ihren Grundstücken getötet.
B) Juli – September 1992: Belagerung und Zerstörung engerer Enklaven
Krnjići (5. Juli 1992): Es kam zu einem Massaker an 24 Dorfbewohnern. Die Angreifer töteten Menschen während der Feldarbeit, darunter alte Menschen und Frauen. Der Dorfpriester Slobodan Lazarević wurde auf äußerst brutale Weise getötet, sein Körper wurde verstümmelt, bevor die Kirche geschändet wurde.
Zalazje, Sase, Biljača und Zagoni (12. Juli 1992 – Petrovdan): Ein koordinierter Großangriff, bei dem 69 Serben getötet wurden. In Zalazje wurde ein Teil der gefangenen serbischen Kämpfer und Zivilisten lebend nach Srebrenica gebracht, wo sie schwere Folter erlitten, bevor sie liquidiert wurden. Ihre sterblichen Überreste wurden erst 2010 auf einer örtlichen Müllhalde gefunden.
Magašići (Gornji und Donji) und Hranča (Juli 1992): In Gornji Magašići wurden am 20. Juli acht Zivilisten getötet, überwiegend Frauen, die auf den Feldern arbeiteten. Unter den Opfern befand sich auch die schwangere Ljiljana Ilić (26). In Donji Magašići und Hranča wurden Häuser systematisch niedergebrannt, und angetroffene Zivilisten wurden hingerichtet.
Ježestica (August 1992 / Januar 1993): Das Dorf wurde mehrfach angegriffen. Beim ersten Angriff wurden neun Dorfbewohner getötet; den Brüdern Anđelko und Dragan Miladinović wurden vor den Augen ihrer Mutter die Köpfe abgeschlagen, die die Angreifer als Trophäen nach Srebrenica mitnahmen. Im Januar 1993 wurde das Dorf endgültig vernichtet und niedergebrannt.
Podravanje (24. September 1992): In vollständiger Umzingelung wurden 32 Dorfbewohner getötet. Die meisten Opfer wurden massakriert und erlitten vor ihrem Tod erschreckende körperliche Folter. Alle Häuser wurden geplündert und bis auf die Grundmauern niedergebrannt.
C) Oktober – Dezember 1992: Ausweitung des Konflikts in Richtung Drina
Fakovići und Boljevići (5. Oktober 1992): Ein systematischer Angriff, bei dem 25 Serben getötet wurden. Die Opfer wurden in ihren Häusern und Höfen getötet, viele Leichen wurden später verkohlt in niedergebrannten Gebäuden gefunden. Die Verbindung entlang der Drina wurde unterbrochen.
Loznička Rijeka (1992): Dieser Ort erlitt durch aufeinanderfolgende Überfälle schwere Verluste, wobei Dutzende Menschen getötet und die gesamte Bevölkerung vertrieben wurde.
Sikirić und Bjelovac (14. Dezember 1992): Bei einem massiven grenzüberschreitenden Angriff wurden 68 Menschen serbischer Nationalität getötet. Unter den Opfern waren viele Frauen und Kinder. Überlebende Zivilisten versuchten in Flüchtlingstrecks, die Drina in Richtung Serbien zu durchschwimmen, während ununterbrochen Scharfschützen- und Maschinengewehrfeuer auf sie eröffnet wurde.
Brana Bačići (Dezember 1992): Ein industrieller und ziviler Punkt, der angegriffen wurde, um den Uferstreifen zu kontrollieren; dies war begleitet von Tötungen von Arbeitern und Wachleuten.
D) Januar – April 1993: Höhepunkt der Winteroffensive der Armee Bosnien und Herzegowinas
Kravica und Šiljkovići (7. Januar 1993 – Weihnachten): Einer der brutalsten Angriffe unter dem Kommando von Naser Orić. Getötet wurden 49 Dorfbewohner, mehr als 80 wurden verwundet. Das jüngste Opfer war Vladimir Gajić (4 Jahre), das älteste Mara Božić (84 Jahre), die vor ihrem Tod gefoltert und verbrannt wurde. Das gesamte Zentrum des serbischen Widerstands mit über 600 Häusern wurde vollständig niedergebrannt, Vieh und Lebensmittel wurden geplündert.
Skelani (16. Januar 1993): Der Angriff umfasste den Ort selbst und zahlreiche umliegende Weiler. Getötet wurden 69 Dorfbewohner, 165 wurden verwundet. Die meisten Zivilisten wurden auf der Brücke getötet, die Skelani und Bajina Bašta verbindet, während sie unter Feuerstößen nach Serbien zu fliehen versuchten. Auf dieser Brücke wurden auch die Jungen Aleksandar (5) und Radisav Dimitrijević (11) getötet.
Konjević Polje und Sandići (Anfang 1993): Serbische Grundstücke und Gemeinschaften wurden im Verlauf der Winteroperationen der ABiH vollständig beseitigt und besetzt, mit dem Ziel, Srebrenica mit Cerska und Žepa zu verbinden.
Osmače, Međe und Višnjica (bis Frühjahr 1993): Grenznahe und Randdörfer erlitten vollständige ethnische Säuberung und Zerstörung, bevor die Vereinten Nationen Srebrenica im April 1993 zur „Schutzzone“ erklärten.
Diese Verbrechen erzeugten unter den lokalen Serben ein kollektives Trauma aus Frustration, großen Verlusten und Ohnmacht. Sie dienten als erschreckender Treibstoff des Zorns.
Kulmination und Zusammenbruch der Spirale: Juli 1995
Drei Jahre nach Beginn der anfänglichen Konflikte erreichte die Kriegsspirale ihr blutigstes und tragischstes Crescendo. Nach dem Einmarsch der Armee der Republika Srpska (VRS) unter dem Kommando von Ratko Mladić in die UN-Schutzenklave Srebrenica im Jahr 1995 wurde ein massives, kaltblütiges und systematisches Verbrechen an gefangenen männlichen Bosniaken begangen. Frauen, Kinder und alte Menschen wurden von der VRS verschont und mit Bussen in Sicherheit gebracht. Danach wurden alle wehrfähigen Männer in kleineren Gruppen an verschiedene Orte gebracht, hingerichtet und begraben.
Warum und wie konnte das alles geschehen?
Nach der Erklärung Srebrenicas zur UN-Schutzenklave im April 1993 wurde ihre vollständige Entwaffnung vereinbart. Die Demilitarisierung wurde jedoch vor Ort nie umgesetzt. Die Kräfte der 28. Division der Armee Bosnien und Herzegowinas unter dem Kommando von Naser Orić behielten ihre leichten Waffen, ihre Kommandostruktur und ihr militärisches Potenzial innerhalb der Enklave.
So wurde Srebrenica zu einem militärischen Paradox: ein Ort unter dem Schutz des Völkerrechts, von dem aus militärische Überfälle auf umliegendes serbisches Gebiet durchgeführt wurden. Wie ein Fuchs, der im Winter in einen Hühnerstall eindringt, schreckliche Verluste verursacht und dann seine Spuren geschickt im Schnee verwischt, nutzten die Einheiten unter dem Kommando von Naser Orić die Schutzzone als sicheren Zufluchtsort. Sie brachen zu schnellen, zerstörerischen Kriegszügen gegen umliegende serbische Dörfer auf und kehrten nach den Angriffen in die Enklave zurück, wo sie in der Zivilbevölkerung untertauchten.
Der französische General Philippe Morillon, der als erster nach Srebrenica gelangte, erklärte später in seiner Aussage vor dem Haager Tribunal, Naser Orić habe einen Krieg nach der Taktik von Partisanenüberfällen geführt, bei denen Zivilisten häufig als Schutzschild genutzt worden seien. Unter solchen Umständen konnte die VRS die militärischen Kräfte, die sie angriffen, nicht lokalisieren oder neutralisieren. Dies erzeugte in den Reihen serbischer Kämpfer und der Bevölkerung einen kumulativen, unerträglichen Zorn. Jeder Überfall und jede schnelle Rückkehr der Angreifer unter den Schutz der Vereinten Nationen zog die Feder dieser Kriegsspirale weiter auf, bis sie im Juli 1995 endgültig brach.
Nach den rechtlich und wissenschaftlich festgestellten Tatsachen vor dem Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien (ICTY) und dem Internationalen Gerichtshof (IGH) wurden im Juli 1995 über 8.000 bosniakische Männer und Jungen organisiert hingerichtet. Die Opfer wurden an Orten wie Kravica, in der landwirtschaftlichen Genossenschaft, Orahovica, Pilica, Branjevo und Petkovci massenhaft erschossen. Diese Tat wurde rechtlich als Genozid eingestuft.
Die dialektische Verbindung zwischen 1992 und 1995 zeigt sich darin, dass dieses Massenverbrechen nicht isoliert vom dreijährigen Kontext der Belagerung, gegenseitiger Angriffe und eines angestauten Wunsches nach Vergeltung betrachtet werden kann. Die Spirale der Gewalt, einmal in Gang gesetzt, löschte soldatische Ehre und moralische Hemmungen vollständig aus und verwandelte die Aktion zur Verteidigung von Territorium aus dem Jahr 1992 in eine monströse Exekution Tausender Gefangener im Jahr 1995.
Erklärung ist keine Rechtfertigung
In jeder ernsthaften gesellschaftlichen und historischen Analyse ist es entscheidend, zwei Begriffe voneinander zu unterscheiden: Erklärung und Rechtfertigung. Die Physik der Kriegsspirale zu verstehen — zu begreifen, dass die schrecklichen Verbrechen von 1992/1993 Zorn und die Bedingungen für den Schrecken von 1995 erzeugten — ist eine wissenschaftliche Erklärung kausaler Zusammenhänge.
Diese Erklärung darf jedoch keinesfalls eine moralische oder rechtliche Rechtfertigung sein. Die Massenexekution gefangener Menschen im Juli 1995 war ein eigenständiges, planmäßig organisiertes Verbrechen, das alle Normen des internationalen Kriegsrechts und zivilisatorischer Werte überschritt, genauso wie die verbrecherischen Feldzüge gegen 156 serbische Dörfer und Weiler in der Umgebung von Srebrenica. Die Kriegsspirale erklärt, wie Menschen in der Masse ihre Menschlichkeit verlieren, aber sie amnestiert nicht denjenigen, der den Befehl gab und den Abzug betätigte.
Frieden als höchstes politisches Interesse
Diese grausame Anatomie des Leidens im Podrinje hinterlässt uns eine einzige, höchste Lehre: Die Kriegsspirale besitzt kein eingebautes Bremssystem. Sie ernährt sich wahnsinnig von den Körpern Unschuldiger auf beiden Seiten, bis sie sich physisch erschöpft oder bis eine äußere Kraft sie stoppt.
Deshalb ist das Gedenken an alle Opfer ohne Unterschied — an serbische Zivilisten, die auf ihren Türschwellen getötet wurden, ebenso wie an bosniakische Jungen und Männer, die in Srebrenica hingerichtet wurden — kein Aufruf zur Suche nach einer simplifizierten Symmetrie der Schuld. Es ist der gemeinsame Nenner des Leidens, der uns deutlich zeigt, dass es im Krieg keine Sieger gibt und keine Sieger geben kann.
Wenn Krieg einmal beginnt, weicht die Logik der Humanität und des Rechts der blinden Physik des Konflikts. Politiker und Heerführer, die glauben, den Krieg zu kontrollieren, sind in Wirklichkeit nur Figuren in einem Mechanismus, der sie übersteigt. Das größte, bedeutendste und einzig wirklich legitime Ziel jeder verantwortlichen Politik muss sein: alle Kriege ein für alle Mal zu beenden. Es gibt kein nationales, staatliches oder ideologisches Interesse, das das Leben eines einzigen Kindes wert wäre. Das Gedenken an die Opfer ist unsere Pflicht gegenüber der Vergangenheit, und die Bewahrung eines dauerhaften Friedens ist das einzige Unterpfand für eine Zukunft, in der sich eine solche Spirale niemals wieder in Bewegung setzt.
Dieser schreckliche Krieg forderte insgesamt mehr als 80.000 Opfer. Die Verbrechen in der Umgebung von Srebrenica und in Srebrenica selbst machen somit insgesamt nur einen kleineren Teil davon aus, sind jedoch wegen ihrer Grausamkeit zum Gegenstand zahlreicher Gespräche geworden, die bis heute, mehr als 30 Jahre nach dem Ende dieses Krieges, nicht verstummen.
Wissenschaftliche und dokumentarische Quellen, auf die sich der Artikel stützt
„Das bosnische Buch der Toten: Menschliche Verluste in Bosnien und Herzegowina 1991–1995“ – Forschungs- und Dokumentationszentrum (IDC) Sarajevo, Autor Mirsad Tokača. Dies ist die umfassendste unabhängige wissenschaftliche Studie und Datenbank, die methodische Präzision in die Erfassung der Opfer aller Nationalitäten in Bosnien und Herzegowina brachte und den Raum für politische Manipulationen verringerte.
Archiv des Internationalen Strafgerichtshofs für das ehemalige Jugoslawien (ICTY) / Internationaler Residualmechanismus für die Ad-hoc-Strafgerichtshöfe (IRMCT):
Fall „Ankläger gegen Radovan Karadžić“ (IT-95-5/18).
Fall „Ankläger gegen Ratko Mladić“ (IT-09-92).
Fall „Ankläger gegen Naser Orić“ (IT-03-68) – Gerichtsprotokolle, Zeugenaussagen von Sachverständigen und Militäranalysten zu den Operationen der ABiH im Podrinje 1992–1993.
Demografische Studien der Sachverständigeneinheit des ICTY (Ewa Tabeau und Jakub Bijak): Wissenschaftliche Arbeiten und statistische Berichte, die dem Gericht vorgelegt wurden und die demografischen Veränderungen sowie die Zahl der Getöteten in der Region Srebrenica und im Podrinje während des Krieges präzise analysieren.
Bericht des Generalsekretärs der Vereinten Nationen über Srebrenica (1999): Dokument A/54/549, das die erschreckende Chronik der Ereignisse seit Kriegsbeginn, die Rolle der Schutzzonen und die Dynamik des Konflikts vor Ort detailliert analysiert.
Dokumentation des Zentrums für die Erforschung des Krieges, der Kriegsverbrechen und der Suche nach vermissten Personen der Republika Srpska / Verband der Lagerinsassen der Republika Srpska: Medizinische Dokumentation zu Todesursachen, Fotodokumentation von Exhumierungen und offizielle Listen getöteter Zivilisten in den Dörfern Kravica, Zalazje, Skelani und Brežani.
Johann Sebastian Bach # 4 - die universelle Ordnung, Tod, Vergessenheit und Wiederauferstehung
Dies ist der vierte und abschließende Text meines philosophischen Projekts zu Johann Sebastian Bach. Nachdem wir seinen Weg von der handwerklichen Zunftstruktur der Eisenacher Kindheit über die existenziellen Wandlungen der Jugend bis zur äußeren Gestaltung der Weimarer und Köthener Jahre nachverfolgt haben, gilt es nun, den Blick auf das monumentale Finale seines Lebens zu richten. Hier, in der längsten und schmerzhaftesten Phase seines Wirkens, bricht sich eine Zäsur Bahn, die nicht nur Bachs eigene Existenz, sondern die Koordinaten der westlichen Kultur für immer verändert hat. Es ist das philosophische Projekt eines Mannes, der die Trümmer der Zeitlichkeit in eine unerschütterliche Architektur des Geistes goss – und dessen Werk für die Musikgeschichte zu dem wurde, was Sokrates für die Philosophie, Jesus für die Religion oder Newton für die Physik bedeuten: eine radikale Zeitwende, ein absoluter Nullpunkt.
Das Leipziger Spätwerk – Architektur im permanenten Ausnahmezustand
Als Johann Sebastian Bach am 22. Mai 1723 mit seiner Familie in Leipzig eintrifft, um das Amt des Thomaskantors und Director Musices anzutreten, ist er achtunddreißig Jahre alt. Er befindet sich auf dem Höhepunkt seiner geistigen und handwerklichen Kräfte, doch er ist keineswegs die unumstrittene erste Wahl der Stadtväter. Erst nachdem Georg Philipp Telemann und Christoph Graupner abgesagt hatten, einigte man sich auf Bach – verbunden mit dem berühmt-berüchtigten Stoßseufzer des Ratsherrn Abraham Christoph Platz, man müsse, da man die Besten nicht bekommen könne, „also mittlere nehmen“.
In Leipzig betritt Bach die Bühne seiner anspruchsvollsten und zugleich aufreibendsten äußeren Ordnung. Siebenundzwanzig Jahre lang, bis zu seinem Tod am 28. Juli 1750, wird er in der Dienstwohnung im südlichen Flügel der Alten Thomasschule leben. Es ist ein Ort der totalen Verdichtung: Wand an Wand mit den lärmenden, oft kranken Internatsschülern, konfrontiert mit einem monumentalen Pensum aus wöchentlichen Kantatenaufführungen und im permanenten, zähen Konflikt mit den weltlichen Behörden der Universitätsstadt, die seinen künstlerischen Anspruch oft als „halsstarrig“ empfinden.
Doch die tiefste Erschütterung dieser Leipziger Jahre vollzieht sich nicht in den Ratssälen, sondern im privaten Refugium des Hauses. Wenn wir Bachs Leben philosophisch als den Versuch verstehen, durch musikalische Struktur der Vergänglichkeit zu trotzen, dann finden wir in Leipzig das radikalste Paradoxon dieser Haltung.
Aus seiner ersten, tragisch geendeten Ehe mit Maria Barbara brachte Bach vier überlebende Kinder mit nach Leipzig: Catharina Dorothea, Wilhelm Friedemann, Carl Philipp Emanuel und Johann Gottfried Bernhard. Drei Kinder hatte er zu diesem Zeitpunkt bereits verloren. Mit seiner zweiten Frau, Anna Magdalena, die im Mai 1723 ein Säugling an der Hand hält, wird er in Leipzig zwölf weitere Kinder zeugen. Insgesamt beläuft sich die historische Bilanz auf zwanzig geborene Kinder – von denen exakt zehn im jüngsten Alter oder als Säuglinge sterben.
In den Jahren zwischen 1726 und 1733 – exakt in jener Phase, in der Bach die monumentale Architektur der Matthäus-Passion, die ersten großen Kantatenjahrgänge und die bahnbrechenden Teile der Clavierübung erschafft – sterben in der Kantorenwohnung nacheinander fünf seiner kleinen Kinder: Christian Gottlieb, Ernestus Andreas, Regina Johanna, Christiana Benedicta und Christiana Dorothea. Im Durchschnitt muss dieser Mann alle zwei bis drei Jahre einen kleinen Sarg aus dem Haus tragen.
Hier bricht sich die entscheidende philosophische Frage Bahn: Wie konnte ein Mensch, dessen Alltag eine permanente, traumatische Trauerarbeit war, eine Musik schreiben, die keine Spur von nihilistischer Verzweiflung in sich trägt? Wie entsteht die reinste, stabilste und trostreichste Ordnung der Kunstgeschichte inmitten eines existenziellen Trümmerfeldes?
Die Antwort liegt im Begriff des „gebauten Raums“. Für Bach war die kontrapunktische Struktur kein mathematisches Glasperlenspiel und keine bürgerliche Dekoration. Sie war ein metaphysischer Schutzwall. Je brüchiger, unberechenbarer und tödlicher sich die äußere Welt erwies, desto radikaler flüchtete er in die Gesetzmäßigkeit der Töne. In der Fuge, im Choral, in der strengen Symmetrie des Satzes errichtete er eine Gegenwirklichkeit. Es ist eine Welt, in der jede Dissonanz sich auflösen muss, in der jede Stimme einen unumstößlichen Sinn besitzt und in der das Chaos keine Macht hat.
In seinen letzten Lebensjahren zieht sich Bach folgerichtig immer weiter aus dem tagesaktuellen Leipziger Musikbetrieb zurück. Während sich der Zeitgeschmack längst dem galanten, leichteren, frühklassischen Stil zuwendet, blickt Bach über seine Epoche hinaus. In spekulativen Spätwerken von mathematischer Reinheit – wie der Kunst der Fuge, dem Musikalischen Opfer oder der h-Moll-Messe – sucht er die überzeitliche, kosmische Wahrheit der Musik. Als er am 28. Juli 1750, nach einer missglückten Augenoperation, erblindet stirbt, hinterlässt er ein Werk, das die Zeitgenossen als „gelehrt“, aber veraltet archivieren. Die barocke Form scheint an ihr Ende gelangt. Doch der Raum, den er gebaut hat, wartete im Verborgenen auf jene, die seine Fundamente freilegen sollten.
Die Zäsur der Musikgeschichte – Bach als Nullpunkt und Gesetz
Es gehört zu den bemerkenswertesten Phänomenen der Kulturgeschichte, dass wir die Zeitrechnung der Musik implizit in ein „Vor Bach“ und ein „Nach Bach“ unterteilen. Er ist nicht einfach ein historischer Komponist unter vielen; er ist der archimedische Punkt der Tonkunst geworden.
Diese historische Stellung lässt sich nur durch Parallelen zu den fundamentalen Umbrüchen des menschlichen Geistes begreifen:
Wie Sokrates die Philosophie aus dem Mythos in die rationale Selbstreflexion des Logos überführte, so befreite Bach die Musik aus der reinen Unverbindlichkeit des Klangs und erhob sie zum System einer objektiven Vernunft.
Wie Jesus von Nazareth durch seine Existenz eine neue ethische Zeitrechnung begründete, die die alte Welt unumkehrbar in ein Davor und Danach trennte, so setzte Bach einen ästhetischen Nullpunkt: Nach ihm konnte Musik nicht mehr harmloses Handwerk sein; sie war nun Trägerin transzendenter Wahrheit.
Wie Isaac Newton mit den Principia Mathematica die unsichtbaren Naturgesetze der Gravitation und Bewegung formulierte, so legte Bach die physikalischen und mathematischen Urgesetze der Tonalität und des Kontrapunkts offen. Im Wohltemperierten Clavier rechnete er das Tonsystem bis an seine Grenzen durch. Er hat die musikalischen Formen nicht bloß erfunden oder genutzt – er hat sie ausgeschöpft.
Nach Bach war es schlicht unmöglich, im alten System des barocken Kontrapunkts etwas Größeres zu schreiben. Die Musikgeschichte musste neu anfangen, weil Bach das Fundament bis auf den Grund ausgehoben hatte. Deswegen verstanden ihn die nachfolgenden Generationen nicht als Vergangenheit, sondern als Naturgesetz. Robert Schumann konstatierte tiefsinnig, Bachs Musik sei ihm das „täglich Brot“, das den Geist reinige, und Johannes Brahms forderte: „Studiert Bach, dort findet ihr alles.“ [7]
Das Echo der Unvergänglichkeit – Die Entdecker des Raums
Ein Raum, der auf ewigen Prinzipien ruht, kann nicht im Vergessen untergehen. Die Rezeptionsgeschichte Bachs ist kein musealer Vorgang, sondern ein phänomenologischer Erkenntnisprozess, getragen von Geistern, die Bachs Struktur jeweils als existentielles Rettungsboot in ihren eigenen Epochen begriffen haben.
Felix Mendelssohn Bartholdy: Der ethische Kompass
Als der junge Felix Mendelssohn Bartholdy am 11. März 1829 in Berlin die seit fast einem Jahrhundert vergessene Matthäus-Passion wiederaufführt, tut er dies inmitten der heraufziehenden Moderne. Die Romantik war geprägt von Industrialisierung, der Zersplitterung des Weltbildes und einer tiefen Krise der religiösen Gewissheiten. Mendelssohn – Enkel des Aufklärungsphilosophen Moses Mendelssohn – erkennt in Bach den Gegenpol zum emotionalen und sozialen Chaos seiner Zeit. Für ihn wird Bach zum ethischen Kompass. Er begreift, dass Bachs Kontrapunkt keine mathematische Kälte besitzt, sondern die reinste Form einer geordneten inneren Bewegung ist. Mendelssohn holt Bach nicht aus historischer Nostalgie zurück, sondern um einer zerrissenen, säkularen Gesellschaft durch die monumentale Symmetrie dieser Musik wieder einen gemeinsamen, tragenden Boden zu geben. Felix Mendelssohn Bartholdy starb 1847 und weniger als ein Jahrhundert später fielen trotz seiner und vieler anderer Verdienste jüdischer Menschen um die Kultur in Deutschland, diese allesamt in Ungnade...
Albert Schweitzer: Der Musik-Poet und die Mystik
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts zertrümmert der Philosoph, Theologe und spätere Tropenarzt Albert Schweitzer das Missverständnis des 19. Jahrhunderts, Bach sei ein „trockener Musik-Mathematiker“ gewesen. In seinem epochalen Werk „J. S. Bach“ (1905) weist Schweitzer nach, dass Bach ein genialer Musik-Poet war. Er decodiert Bachs Sprache und zeigt, dass sie auf einer präzisen Symbolik beruht – auf rhythmischen und melodischen Motiven, die theologische Begriffe wie das Fallen des Sündenfalls oder das Aufsteigen der Engel exakt abbilden. Für Schweitzer ist Bachs Musik gelebte Mystik an der Orgel: ein Akt, in dem die Unruhe des menschlichen Geistes in der Klarheit des Urtexts zur absoluten, metaphysischen Ruhe findet.
Glenn Gould: Die absolute, objektive Struktur
In der Mitte des 20. Jahrhunderts radikalisiert der kanadische Pianist Glenn Gould diese Suche nach der objektiven Wahrheit. Gould verweigert sich dem romantischen Pathos und sucht in Bach die totale Abwesenheit des Subjektiven. Indem er die Goldberg-Variationen fast ohne Pedal, extrem trocken und linear einspielt, legt er die nackte, mathematische Struktur der Partitur frei. Gould zieht sich schließlich komplett aus dem Konzertsaal in das sterile Aufnahmestudio zurück – eine zutiefst bachische Entscheidung: Im Studio eliminiert er den Zufall der fehlerhaften Außenwelt, um eine vollkommene, unzerstörbare Struktur zu errichten. Bei Gould wird Bach zum Beweis, dass Kunst eine kosmische Ordnung abbildet, die unabhängig von menschlicher Eitelkeit existiert.
Zuzana Růžičková: Die Ordnung gegen die Barbarei
Vielleicht am erschütterndsten offenbart sich die tragende Kraft des bachischen Raums im Leben der tschechischen Cembalistin Zuzana Růžičková. Als Überlebende der Konzentrationslager Theresienstadt, Auschwitz und Bergen-Belsen blickte sie in den absoluten Abgrund des menschlichen Nihilismus und der totalen Barbarei. Nach dem Krieg widmete sie ihr Leben der Weltersteinspielung des gesamten Clavierwerks von Bach auf dem Cembalo. Für Růžičková war Bach kein ästhetischer Luxus, sondern eine Überlebensnotwendigkeit. Sie formulierte es so, dass in Bachs Musik eine unerschütterliche, transzendente Gerechtigkeit waltet. Wo die Menschen bestialisch wurden und das Chaos regierte, garantierte Bach die Existenz einer höheren, moralischen Symmetrie. Seine Struktur wurde zum konkreten, geistigen Widerstand gegen die Vernichtung.
Helmuth Rilling: Die globale Institutionalisierung der Struktur,
Nach dem wunderbar organisierten Bachfest der Internationalen Bachakademie Stuttgart, wo ich die Inspiration fand dieses Projekt zu starten, schließt sich unser Kreis auf der Trauerfeier zu Ehren des Gründers der Bachakademie, Helmuth Rilling. Rilling hat sein Leben im Endeffekt Bach gewidmet mit dem Ziel sicherzustellen, dass Bachs Werk zu keinem statischen Denkmal wird, sondern in eine weltweite, lebendige Bildungs- und Kulturarchitektur einfließt
Rilling, der als erster Dirigent alle geistlichen Kantaten Bachs einspielte, begriff diese Musik als eine Form der strukturierten, universalen Rede. In seinen legendären „Gesprächskonzerten“ legte er die theologische und architektonische Struktur der Werke vor dem Publikum offen, um sie intellektuell bewohnbar zu machen. Doch Rillings eigentliche Leistung liegt in der Globalisierung dieses Prinzips: Durch die Gründung der Bachakademie Stuttgart und die Initiierung von Bachakademien weltweit – von Santiago de Chile über Krakau und Budapest bis nach Tokio und Moskau – hat er bewiesen, dass Bachs Musik eine Universalsprache der Menschheit ist. Wenn junge Menschen unterschiedlichster Kulturen und Konfessionen zusammenkommen, um unter diesem Einfluss die h-Moll-Messe zu erarbeiten, solidarisieren sie sich nicht über politische Verträge, sondern über das gemeinsame Ausfüllen und Erleben einer ewigen, tragenden Vernunft. Auch Rillings Nachfolger Hans-Christoph Rademann ist sich dessen bewusst und akzentuiert heute bei seinen Konzerten mit der Gaechinger Kantorei und dem JSB, in meinen Augen in tiefer christlicher Liebe, dass junge Musikerinnen und Musiker aus über zwei dutzend verschiedenen Ländern und Kulturen miteinander musizieren. Was sagt uns das über das mögliche in unserer Welt?
Fazit: Das metaphysische Obdach
Johann Sebastian Bachs Leben begann im handwerklichen Dienst einer thüringischen Zunft und stand im permanenten, dunklen Schatten des frühen Kindstods, sowohl seiner Geschwister, als auch später seiner eigenen Kinder. Sein Leben endete in der Einsamkeit eines Mannes, dessen Spätwerk von der eigenen Epoche nicht mehr verstanden wurde.
Doch gerade weil er seine tiefen Verluste nicht in sentimentale Klage, sondern in die unzerstörbaren Gesetze einer kosmischen Kontrapunktik goss, hat er der Menschheit ein metaphysisches Obdach hinterlassen. Ob Mendelssohn in der Sinnkrise des 19. Jahrhunderts, Schweitzer auf der Suche nach der Mystik, Gould auf der Jagd nach Objektivität, Růžičková im Grauen von Auschwitz, Rilling in der globalen Vermittlung der Klangrede: Sie alle betreten denselben Raum.
Wer sich heute in Bachs Musik vertieft, flieht nicht vor der Realität. Er findet in ihr die tröstliche, unumstößliche Gewissheit, dass unter dem schmerzhaften Chaos und der Vergänglichkeit unseres Daseins eine tiefe, tragende und ewige Ordnung liegt. Eine Ordnung, die hält, weil ihr Urheber früh erfahren musste, dass das Leben selbst es nicht tut. Viele Wegen führen zu dieser Ordnung und der seelischen Entspannung, Bach hat in der Musik einen der schönsten aufgebaut.
Quellen und wissenschaftliche Bezüge:
[1] Christoph Wolff: Johann Sebastian Bach: The Learned Musician. W. W. Norton, New York 2000, (Zu den Umständen der Leipziger Berufung).
[2] Bach-Archiv Leipzig: Dokumente zum Leben und Wirken Johann Sebastian Bachs. Bärenreiter, Kassel. (Zur Topographie der Alten Thomasschule).
[3] Martin Geck: Johann Sebastian Bach. Leben und Werk. Rowohlt, Reinbek 2000, (Zur familiären Chronologie und den Kindstoden).
[4] Klaus Eidam: Das wahre Leben des Johann Sebastian Bach. Piper, München 1999
[5] Peter Williams: J. S. Bach: A Life in Music. Cambridge University Press, Cambridge 2007, (Zum Spätwerk und der Kunst der Fuge).
[6] Hans-Joachim Schulze: Die Bach-Familie. Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 1984
[7] Michael Maul: Johann Sebastian Bach. Komponist im Dienst der lutherischen Kirche. Bärenreiter, Kassel 2015
[8] Peter Mercer-Taylor: The Life of Mendelssohn. Cambridge University Press, 2000 (Zur Wiederaufführung der Matthäus-Passion 1829).
[9] Zuzana Růžičková: Lebensfuge. Wie Bach mich vor Auschwitz rettete. Propyläen, Berlin 2019.
[10] Otto Friedrich: Glenn Gould. Eine Biographie. Bruno Cassirer, Oxford 1990.
[11] Albert Schweitzer: J. S. Bach. Breitkopf & Härtel, Leipzig 1908.
Rassismus, Nationalismus, Migrantismus – was kommt als Nächstes und woher?
Wenn ich uns Menschen historisch betrachte, fällt mir immer wieder dieselbe merkwürdige Bewegung im öffentlichen Denken auf: Wir erzeugen Identitäten und Kategorien, und kurz darauf beginnen diese Identitäten und Kategorien sich zu politisieren und bestimmte Gruppen zu diskriminieren.
Zuerst dienen sie allerdings der Orientierung. Dann der Zugehörigkeit. Schließlich der Abgrenzung. Und nicht selten enden sie irgendwann in Verachtung, Angst oder Gewalt.
Einmal waren es Stämme. Dann Religionen. Dann Klassen. Dann Nationen und Rassen. Heute sprechen wir zunehmend von Migranten. Der Begriff scheint, wie einst der Begriff Rasse, in aller Munde zu sein. Morgen werden wir vielleicht von Menschen und künstlichen Intelligenzen oder von biologischen und technisch erweiterten Menschen sprechen.
Die Begriffe wechseln. Die Struktur jedoch bleibt erstaunlich ähnlich.
Als ich jünger war, dachte ich oft, rassistische Weltbilder seien einfach das Werk böser oder besonders dummer Menschen. Mit der Zeit wurde mir jedoch klar, dass dies zu einfach gedacht ist. Denn der Rassismus entstand nicht im luftleeren Raum. Er entstand aus sehr menschlichen Bedürfnissen: aus Angst, aus Identitätssuche, aus Machtstreben, aus dem Wunsch nach Ordnung und Zugehörigkeit.
Biologisch ergibt Rassismus kaum Sinn. Wir gehören weitgehend derselben Spezies an, Unterschiede zwischen Menschen sind überwiegend phänotypischer Natur. Und selbst wenn die Unterschiede größer wären – was würde daraus folgen? Humanistische Ziele bestanden doch gerade immer darin, Menschen trotz ihrer Unterschiede miteinander zu verbinden.
Und dennoch war der Rassismus real. Nicht nur am Rand der Gesellschaft, sondern oft in ihrer Mitte. Ganze öffentliche Meinungen, Institutionen und Wissenschaften waren von ihm durchdrungen. Dann starben Millionen Menschen im Namen von Weltanschauungen, die behaupteten, Ordnung zu schaffen, während sie in Wahrheit Entmenschlichung organisierten. Dasselbe gilt für den Nationalismus.
Heute scheint sich erneut eine neue große Kategorie in unser Denken zu schieben: der „Migrant“. Ich sage bewusst nicht „der Mensch, der emigriert oder immigriert“, sondern vereinfacht „der Migrant“, wie es nun in aller Munde zu sein scheint, denn genau darin liegt bereits etwas Interessantes. Aus einer Bewegung wird langsam eine Identität. Aus einer zeitweiligen Handlung wird eine dauerhafte Zuschreibung.
Dabei waren letztlich fast alle Menschen irgendwann in Bewegung. Unsere Vorfahren wanderten, flohen, siedelten um, eroberten neue Gebiete oder wurden selbst verdrängt. Migration ist keine Ausnahme der Menschheitsgeschichte, sondern beinahe ihr Normalzustand.
Ebenso unklar erscheint mir die Gegenkategorie des Einheimischen. Ab wann ist jemand einheimisch? Nach zwanzig Jahren? Nach vier Generationen? Nach tausend Jahren? Und wenn man weit genug zurückgeht, waren nicht fast alle Menschen irgendwann fremd an dem Ort, an dem ihre Nachfahren später Wurzeln schlugen?
Dennoch gewinnen diese Begriffe zunehmend emotionale und politische Kraft. Und ich werde nachdenklich, denn ich selbst bin definitiv auch ein Nachfahre von sog. Migranten, wir alle sind es, aber ich fühle mich zugleich überall auf unserem Planeten Zuhause, empfinde, dass der Planet als solcher meine Heimat ist. Zu was macht mich das? Es macht mich auf jeden Fall zu einem Menschen, der keinen anderen als Fremd betrachten kann, denn wir leben ja alle gemeinsam auf diesem Planeten. Das scheinen jedoch viele Menschen wohl noch nicht wirklich verstanden zu haben. Natürlich verstehe ich, dass wir global betrachtet unterschiedlich entwickelte Gesellschaften haben, dass es große Bildungs- und Einkommensunterschiede gibt und dass wir Menschen keine Schmetterlinge sind, sondern eben oft Konflikte erzeugen und folglich oft auch Angst voreinander haben. Das Bedürfnis nach Gemeinschaft kann ich verstehen, aber das Bedürfnis nach Abgrenzung und folglich oft auch Hass und Zerstörung, all dies bleibt für mich ein Mysterium.
Es ist jedoch wohl so, wenn wir die Geschichte betrachten, dass jede starke gesellschaftliche Kategorie früher oder später ihre Gegenbewegung erzeugt. So wie das Rassenweltbild irgendwann den Begriff des „Rassismus“ hervorbrachte den Menschen nutzten um sich von dem Rassistischen Weltbild und Rassisten zu distanzieren, so ähnlich brachte das Nationalweltbild den Begriff "Nationalismus", den Menschen nutzten um sich von dem Nationalistischen Weltbild und Nationalisten zu distanzieren. Nun frage ich mich ob aus dem heutigen starken Beharren auf „Migranten“ und dieser neuen ideologische Fixierung auf Herkunft und Bewegung als zentraler Kategorien des Menschseins, irgendwann vielleicht etwas entstehen wird, das man vielleicht „Migrantismus“ nennen wird? Werden Menschen dies nutzen um sich von dem Migrantischen Weltbild und "Migrantisten" zu distanzieren, wobei „Migrantisten“ jene heißen würden, die Menschen primär über ihren Migrationsstatus definieren – sei es positiv oder negativ? Ich weiß es nicht. Vielleicht irre ich mich. Vielleicht sucht mein Geist nur erneut nach Mustern. Aber die Geschichte lehrt uns, dass Menschen erstaunlich kreativ darin sind, immer neue Trennlinien zu erschaffen. So sinne ich wohl oft über die einfache, fast kindliche Frage: Warum fällt es uns so schwer, miteinander zu leben, ohne einander ständig in Gruppen einzuteilen, gegeneinander aufzuwiegeln und schließlich zu hassen?
Johann Sebastian Bach #3 - Seelische Festigung und äußere Gestaltung
Als Johann Sebastian Bach im Jahr 1708 im Alter von dreiundzwanzig Jahren nach Weimar geht, tritt er in eine neue Phase seines Lebens ein. Die Jahre der Suche liegen hinter ihm. In Ohrdruf, Lüneburg, Arnstadt und Mühlhausen hat er gelernt, sich zu ordnen, zu arbeiten und seinen Weg zu behaupten. Nun beginnt eine Zeit, in der er nicht mehr nur lernt, sondern gestaltet.
Bach ist zu diesem Zeitpunkt bereits verheiratet. Am 17. Oktober 1707 hat er in Dornheim Maria Barbara Bach geheiratet, seine Cousine zweiten Grades, die aus einer ebenso musikalisch geprägten Familie stammt. Mit ihr beginnt er ein eigenes Leben aufzubauen. Doch dieses Leben ist von Anfang an nicht ruhig. Zwischen 1708 und 1718 werden sieben Kinder geboren: Catharina Dorothea (getauft am 29. Dezember 1708), Wilhelm Friedemann (geboren am 22. November 1710), die Zwillinge Johann Christoph und Maria Sophia (geboren am 23. Februar 1713, beide früh verstorben), Carl Philipp Emanuel (geboren am 8. März 1714), Johann Gottfried Bernhard (geboren am 11. Mai 1715) und schließlich Leopold Augustus (geboren 1718 in Köthen, ebenfalls früh verstorben). Drei dieser Kinder überleben die ersten Lebensjahre nicht.
Der Haushalt, den Bach in Weimar führt, ist kein privater Rückzugsort im modernen Sinne. Neben seiner Frau und den Kindern lebt auch Maria Barbaras Schwester Friedelena Margaretha Bach dauerhaft im Haus. Es handelt sich um einen offenen, funktionalen Haushalt: Ort des Lebens, des Lernens, der Arbeit. Hier wird unterrichtet, geübt, musiziert. Bach ist nicht nur Musiker, sondern Vater, Ehemann und Verantwortlicher innerhalb eines wachsenden familiären Gefüges.
In Weimar übernimmt Bach 1708 die Stellung als Hoforganist und Kammermusiker am Hof Herzog Wilhelm Ernsts. 1714 wird er zum Konzertmeister ernannt. Mit dieser Beförderung ist eine klare Verpflichtung verbunden: Er hat regelmäßig neue Kirchenmusik zu liefern, in der Regel monatlich eine Kantate. Seine Musik entsteht damit nicht außerhalb von Strukturen, sondern innerhalb fester Erwartungen. Sie ist Teil seines Amtes.
Diese Einbindung in Ordnung bedeutet jedoch nicht Anpassung. Bach zeigt in diesen Jahren eine ausgeprägte Eigenständigkeit. Als er 1717 eine neue Stelle als Kapellmeister in Köthen annimmt und seine Entlassung aus dem Weimarer Dienst erzwingen will, wird er verhaftet. Vom 6. November bis zum 2. Dezember 1717 sitzt er in Haft, offiziell „wegen seiner halsstarrigen Bezeugung und Erzwingung seiner Entlassung“. Diese Episode ist kein Randdetail. Sie zeigt einen Menschen, der bereit ist, persönliche Konsequenzen zu tragen, um seinen eigenen Weg zu gehen.
Nach seiner Freilassung verlässt Bach Weimar und tritt die Stelle als Kapellmeister am Hof Fürst Leopolds von Anhalt-Köthen an. Dort ist er „Director der Cammer-Musiquen“, verantwortlich für ein professionelles Ensemble, für Proben, Aufführungen und die gesamte musikalische Organisation des Hofes. Sein Leben verlagert sich stärker in den höfischen Raum. Die äußeren Bedingungen ändern sich, die Verantwortung wächst.
Doch auch in dieser Phase bleibt sein Leben nicht von Einschnitten verschont. Im Juli 1720 stirbt seine Frau Maria Barbara plötzlich in Köthen, während Bach sich mit dem Fürsten auf einer Reise in Karlsbad befindet. Er kehrt zurück und findet sein Haus verändert vor. Mit fünfunddreißig Jahren steht er als Witwer mit mehreren Kindern da. Wieder wird ihm ein tragender Teil seines Lebens genommen.
Und doch zeigt sich auch hier die Struktur, die sich durch sein Leben zieht. Bach bricht nicht. Er ordnet sich neu. 1721 heiratet er Anna Magdalena Wilcke, eine Sängerin am Köthener Hof, und stellt seinen Haushalt erneut auf. Leben wird nicht unterbrochen, sondern weitergeführt.
Parallel zu diesen äußeren Entwicklungen vollzieht sich eine innere Bewegung. Musik ist für Bach in diesen Jahren nicht mehr nur handwerkliche Tätigkeit oder berufliche Pflicht. Sie wird zu einem Ort, an dem sich für ihn eine Ordnung zeigt, die über das unmittelbar Sichtbare hinausweist. In der Arbeit an musikalischen Formen – im Aufbau von Stimmen, im Durchhalten von Strukturen, im Finden von Zusammenhängen – erfährt er etwas, das sich nicht allein technisch beschreiben lässt.
Später wird Bach in seiner Bibel notieren, dass bei andächtiger Musik Gott mit seiner Gnade gegenwärtig ist. Diese Haltung entsteht nicht plötzlich. Sie wächst in diesen Jahren. Sie ist Ergebnis eines Lebens, das sich zwischen Verantwortung, Verlust, Pflicht und Arbeit entfaltet. Musik wird für ihn zu einem Raum, in dem sich das Verhältnis zwischen Mensch und Gott konkretisiert – nicht theoretisch, sondern praktisch, im Tun.
Dabei ist Bach kein zurückgezogener Mensch. Er wirkt öffentlich, tritt auf, prüft Orgeln, spielt vor, wird wahrgenommen. Sein Ruf als Organist und Musiker wächst. Gleichzeitig bleibt er in die Hierarchien seiner Zeit eingebunden. Er dient dem Hof, erfüllt Erwartungen, bewegt sich innerhalb klarer sozialer Strukturen.
Gerade in dieser Spannung gewinnt sein Leben seine Form. Nach innen entsteht eine zunehmende Festigung: eine klare Ausrichtung, ein wachsendes Verständnis dessen, was seine Aufgabe ist. Nach außen gestaltet er: er führt einen Haushalt, übernimmt Verantwortung, wirkt in Amt und Gesellschaft.
So verbinden sich in diesen Jahren drei Ebenen: das familiäre Leben, das ihn bindet und fordert; die innere Arbeit, in der Musik für ihn zu einem Ort der Begegnung mit dem Göttlichen wird; und die äußere Ordnung, in der er als Amtsträger wirkt und sich behauptet.
Am Ende dieser Phase steht Bach nicht mehr als Suchender, sondern als ein Mensch, der seine Form gefunden hat. Er weiß, was er kann, und beginnt zu verstehen, wofür er es einsetzt. Seine Identität liegt nicht im Ruhm, sondern in der Verbindung von Pflicht, Glaube und Arbeit.
Als er 1723 nach Leipzig geht und dort das Amt des Thomaskantors übernimmt, beginnt eine neue Phase seines Lebens. Alles, was sich in diesen Jahren geformt hat, tritt nun in einen größeren Zusammenhang.
Quellen (Auswahl)
- Christoph Wolff, Johann Sebastian Bach: The Learned Musician, New York 2000.
- Martin Geck, Johann Sebastian Bach. Leben und Werk, Reinbek 2000.
- Michael Maul, Johann Sebastian Bach. Komponist im Dienst der lutherischen Kirche, Kassel 2015.
- Peter Williams, J. S. Bach: A Life in Music, Cambridge 2007.
- John Eliot Gardiner, Bach: Music in the Castle of Heaven, London 2013.
- Bach-Archiv Leipzig / Bach Digital: Werk- und Personendatenbank
- Bach-Dokumente (Edition des Bach-Archivs Leipzig)
Johann Sebastian Bach # 2 - seelische und territoriale Wanderungen
Wenn Johann Sebastian Bach im Alter von zehn Jahren nach Ohrdruf kommt, trägt er bereits mehr Erfahrung in sich, als ein Kind tragen sollte. Mutter und Vater sind gestorben, das vertraute Haus in Eisenach existiert nicht mehr. Was macht dies mit einem Kind?
Was ihm bleibt, ist ein Teil der Familie – und die Musik. Sein älterer Bruder, Johann Christoph Bach, nimmt ihn auf. Dieser ist Organist an der Michaeliskirche in Ohrdruf, streng, gewissenhaft, ein Mann der Ordnung. Das Haus, in das der junge Johann Sebastian eintritt, ist kein Ort der Trauer, sondern ein Ort der Arbeit. Unterricht, Üben, Gottesdienst – alles folgt einem Rhythmus. In einer kleinen thüringischen Stadt mit etwa zweitausend Einwohnern kennt jeder jeden; der Alltag ist überschaubar, die Kirche bildet den Mittelpunkt.[1]
Hier lernt Bach, dass Musik nicht aus spontaner Eingebung entsteht, sondern aus Wiederholung. Stundenlang übt er Orgel und Clavier, kopiert Noten, beobachtet seinen Bruder beim Unterrichten. Seine Welt wird kleiner, aber innerlich dichter. Die Ordnung der Übungen ersetzt die verlorene Ordnung der Familie. In dieser Zeit ereignet sich die bekannte Szene mit dem Notenheft. Der Bruder besitzt eine Sammlung wertvoller Stücke, die er verschlossen aufbewahrt. Darin befinden sich Werke von Komponisten wie Johann Pachelbel, Johann Jakob Froberger, Johann Caspar Kerll und Girolamo Frescobaldi.[2] Bach darf sie nicht benutzen. Doch der Wunsch zu lernen ist stärker als das Verbot. Nacht für Nacht kopiert er die Noten bei Mondlicht, heimlich, geduldig, über Monate hinweg. Als der Bruder es entdeckt, nimmt er ihm die Abschrift wieder weg.
Diese Szene ist entscheidend. Bach erlebt einen Rückschlag – und gleichzeitig wächst sein Wille. Wissen wird ihm entzogen, aber der Prozess des Kopierens hat ihn bereits verändert. Er hat die Musik verinnerlicht, nicht nur gelesen. Verlust verwandelt sich in Antrieb. Diese Haltung wird sein Leben prägen: Hindernisse werden nicht als Ende erlebt, sondern als Aufforderung, mehr zu tun.
In Ohrdruf begegnet er vor allem den Chorälen der lutherischen Tradition. Ein Choral ist ein Gemeindelied, meist in einfacher Melodie, das im Gottesdienst von allen gesungen wird. Diese Melodien sind für die lutherische Frömmigkeit zentral: Sie verbinden Theologie, Gemeinde und Musik. Für Bach, ich denke das kann man so sagen, werden sie zum Fundament seines Denkens. Der Choral ist schlicht, aber voller Bedeutung. Eine klare Melodie, ein Text über Gnade, Trost, Vergänglichkeit usw. Indem er diese Choräle begleitet, variiert und improvisiert, lernt Bach, dass Musik eine Botschaft trägt. Sie dient nicht dem Applaus, sondern dem Glauben. Durch sie wird ebenfalls Gott gedient. Ich denke diese Erkenntnis wächst langsam in Bach, fast unmerklich und mündet in einer Einstellung zur Musik, in der Musik beginnt als Verkündigung zu verstehen.[3]
Mit fünfzehn Jahren verlässt Bach auch Ohrdruf. Der Weg nach Lüneburg ist weit, etwa 300 Kilometer zu Fuß. Gemeinsam mit seinem Freund Georg Erdmann macht er sich auf den Weg.[4] Mehrere Wochen sind sie unterwegs, schlafen in einfachen Herbergen, gehen täglich zwanzig bis dreißig Kilometer. Diese Reise ist nicht nur geografisch. Zwei junge Männer verlassen die Enge Thüringens und betreten eine größere Welt. In Lüneburg, einer Stadt mit etwa 12.000 Einwohnern, ist das Leben vielfältiger. Händler, Schüler, Musiker, Soldaten – alles wirkt offener, beweglicher.[5]
In der Michaelisschule wird Bach Chorsänger. Der Tagesablauf ist streng: Gebet am Morgen, Unterricht in Latein und Theologie, Chorproben, Gottesdienste. Er singt im Mettenchor, lernt Polyphonie, Kontrapunkt, neue Stile. Dann erlebt er den Stimmbruch. Die Stimme, mit der er bisher diente, verschwindet. Wieder ein Verlust, nach all den Verlusten bis zu dem Zeitpunkt. Wieder wird ihm der Halt genommen. Doch erneut verwandelt er den Verlust und die Haltlosigkeit in Antrieb und damit wird für mich eindeutig, dass der junge Bach bereits sehr tief religiös war und seinen eigentlichen Halt in Gott fand, als unvergänglicher Instanz, die ihn nicht im Stich lässt, die ihn nicht verlässt. Er wendet sich intensiver den Tasteninstrumenten zu. An der Stelle seiner Stimme werden Orgel und Cembalo zu seiner Sprache.
In Lüneburg entdeckt Bach auch neue musikalische Horizonte. Er hört den Organisten Georg Böhm, dessen Werke ihn prägen.[6] Böhm verbindet klare Choralmelodien mit kunstvollen Variationen. Bach erkennt, dass man die schlichte Gemeindemelodie in einen größeren Klangraum stellen kann.
Mit achtzehn Jahren erhält Bach seine erste Anstellung in Arnstadt. Er ist jung, voller Energie, verantwortlich für eine neue Orgel. Doch er spürt, dass er noch lernen muss. Mit zwanzig Jahren nimmt er Urlaub und reist zu Fuß nach Lübeck, etwa 400 Kilometer.[7] Sein Ziel ist der berühmte Organist Dieterich Buxtehude. Diese Reise ist ein Wagnis. Er bleibt länger als erlaubt, riskiert Kritik. Aber er folgt einem inneren Drang.
In Lübeck hört er die Abendmusiken, große geistliche Konzerte, die Musik und Predigt verbinden. Buxtehude improvisiert, verbindet Choräle mit freier Fantasie. Bach erlebt eine neue Dimension. Musik kann monumental sein und zugleich zutiefst religiös. Diese Erfahrung bestätigt, was er innerlich bereits ahnte: Musik ist definitiv ein Weg, Gott zu dienen.
Als er zurückkehrt, ist er verändert. Seine Spielweise wird komplexer, freier. Nicht alle verstehen ihn. Es kommt zu Spannungen, sogar zu der bekannten Auseinandersetzung mit dem Fagottisten Johann Heinrich Geyersbach. Der junge Bach verteidigt seine musikalischen Ansprüche leidenschaftlich. Diese Episode zeigt seine Entwicklung: Der stille Schüler ist ein junger Mann geworden, der für seine Überzeugungen einsteht. Auch die Verlängerung seines Aufenthaltes bei Buxtehude und die Tatsache, dass er damit seine Stelle riskiert, was oft erwähnt wird in der Bachforschung, wird als Nachweis für seine Bereitschaft gesehen für seine Überzeugungen einzustehen.
Nach meiner Ansicht vollzieht sich bei Bach zwischen zehn und dreiundzwanzig Jahren eine innere Reise. Verlust führt zur Suche nach Ordnung. Ordnung führt zur Arbeit. Arbeit führt zur Erkenntnis, dass Musik mehr ist als Klang. Jeder Rückschlag – der Tod der Eltern, das verbotene Notenbuch, der Stimmbruch, Kritik in Arnstadt – wird zum Antrieb. Bach hat schon in dieser Zeit eindeutig Halt in Gott gefunden und gelernt deshalb Halt nicht in äußeren Umständen zu suchen, sondern sucht lediglich einen zuverlässigen Weg zu dienen durch die Musik. Er sieht in der Struktur eines Chorals, in der Disziplin des Übens, in der Gewissheit, dass Musik eine höhere Aufgabe hat seine Weg wegen frühkindlicher Prägung im Elternhaus und so verbinden sich wohl in der Tiefe seiner Seele seine starke Verbindung zu Gott und seine musikalische Erziehung zu einer Art Vision seines Lebens.
So wächst in diesen Jahren ein Mensch heran, der seine Identität findet: nicht als Genie, sondern als Diener. Ein junger Mann, der begreift, dass Arbeit ihn trägt, dass Musik ihn ordnet und dass er durch diese Ordnung Gott dienen kann. Er fühlt die Größe seines Auftrags und sucht deshalb die Besten, um zu lernen, um sich zu entwickeln, um in der Lage sein zu können seinen Auftrag zu erfüllen. Seine spätere Größe beginnt exakt deshalb nicht im Ruhm, sondern in dieser stillen inneren Bewegung – in der Entdeckung, dass Sinn dort entsteht, wo Pflicht, Glaube und Musik einander tragen.
So beginnt seine dritte Phase des Lebens, die ich in meinem nächsten, dritten Text zu Bach, angehen werde.
Quellen
[1] Martin Geck, Johann Sebastian Bach. Leben und Werk, Reinbek 2000, 29–31.
[2] Christoph Wolff, Johann Sebastian Bach: The Learned Musician, New York 2000, 33–35.
[3] Hans-Joachim Schulze, Die Bach-Familie, Leipzig 1984, 19–23.
[4] Peter Williams, J. S. Bach: A Life in Music, Cambridge 2007, 18–21.
[5] Michael Maul, Johann Sebastian Bach. Komponist im Dienst der lutherischen Kirche, Kassel 2015, 36–39.
[6] John Eliot Gardiner, Bach: Music in the Castle of Heaven, London 2013, 58–60.
[7] Christoph Wolff, Johann Sebastian Bach, 68–72.
Das Huhn
Diesen Text schreibe ich demnächst auch auf Deutsch, für jetzt existiert nur die Version in serbischer Sprache.
