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Johann Sebastian Bach # 2 - seelische und territoriale Wanderungen


Wenn Johann Sebastian Bach im Alter von zehn Jahren nach Ohrdruf kommt, trägt er bereits mehr Erfahrung in sich, als ein Kind tragen sollte. Mutter und Vater sind gestorben, das vertraute Haus in Eisenach existiert nicht mehr. Was macht dies mit einem Kind?

Was ihm bleibt, ist ein Teil der Familie – und die Musik. Sein älterer Bruder, Johann Christoph Bach, nimmt ihn auf. Dieser ist Organist an der Michaeliskirche in Ohrdruf, streng, gewissenhaft, ein Mann der Ordnung. Das Haus, in das der junge Johann Sebastian eintritt, ist kein Ort der Trauer, sondern ein Ort der Arbeit. Unterricht, Üben, Gottesdienst – alles folgt einem Rhythmus. In einer kleinen thüringischen Stadt mit etwa zweitausend Einwohnern kennt jeder jeden; der Alltag ist überschaubar, die Kirche bildet den Mittelpunkt.[1]

Hier lernt Bach, dass Musik nicht aus spontaner Eingebung entsteht, sondern aus Wiederholung. Stundenlang übt er Orgel und Clavier, kopiert Noten, beobachtet seinen Bruder beim Unterrichten. Seine Welt wird kleiner, aber innerlich dichter. Die Ordnung der Übungen ersetzt die verlorene Ordnung der Familie. In dieser Zeit ereignet sich die bekannte Szene mit dem Notenheft. Der Bruder besitzt eine Sammlung wertvoller Stücke, die er verschlossen aufbewahrt. Darin befinden sich Werke von Komponisten wie Johann Pachelbel, Johann Jakob Froberger, Johann Caspar Kerll und Girolamo Frescobaldi.[2] Bach darf sie nicht benutzen. Doch der Wunsch zu lernen ist stärker als das Verbot. Nacht für Nacht kopiert er die Noten bei Mondlicht, heimlich, geduldig, über Monate hinweg. Als der Bruder es entdeckt, nimmt er ihm die Abschrift wieder weg.

Diese Szene ist entscheidend. Bach erlebt einen Rückschlag – und gleichzeitig wächst sein Wille. Wissen wird ihm entzogen, aber der Prozess des Kopierens hat ihn bereits verändert. Er hat die Musik verinnerlicht, nicht nur gelesen. Verlust verwandelt sich in Antrieb. Diese Haltung wird sein Leben prägen: Hindernisse werden nicht als Ende erlebt, sondern als Aufforderung, mehr zu tun.

In Ohrdruf begegnet er vor allem den Chorälen der lutherischen Tradition. Ein Choral ist ein Gemeindelied, meist in einfacher Melodie, das im Gottesdienst von allen gesungen wird. Diese Melodien sind für die lutherische Frömmigkeit zentral: Sie verbinden Theologie, Gemeinde und Musik. Für Bach, ich denke das kann man so sagen, werden sie zum Fundament seines Denkens. Der Choral ist schlicht, aber voller Bedeutung. Eine klare Melodie, ein Text über Gnade, Trost, Vergänglichkeit usw. Indem er diese Choräle begleitet, variiert und improvisiert, lernt Bach, dass Musik eine Botschaft trägt. Sie dient nicht dem Applaus, sondern dem Glauben. Durch sie wird ebenfalls Gott gedient. Ich denke diese Erkenntnis wächst langsam in Bach, fast unmerklich und mündet in einer Einstellung zur Musik, in der Musik beginnt als Verkündigung zu verstehen.[3]

Mit fünfzehn Jahren verlässt Bach auch Ohrdruf. Der Weg nach Lüneburg ist weit, etwa 300 Kilometer zu Fuß. Gemeinsam mit seinem Freund Georg Erdmann macht er sich auf den Weg.[4] Mehrere Wochen sind sie unterwegs, schlafen in einfachen Herbergen, gehen täglich zwanzig bis dreißig Kilometer. Diese Reise ist nicht nur geografisch. Zwei junge Männer verlassen die Enge Thüringens und betreten eine größere Welt. In Lüneburg, einer Stadt mit etwa 12.000 Einwohnern, ist das Leben vielfältiger. Händler, Schüler, Musiker, Soldaten – alles wirkt offener, beweglicher.[5]

In der Michaelisschule wird Bach Chorsänger. Der Tagesablauf ist streng: Gebet am Morgen, Unterricht in Latein und Theologie, Chorproben, Gottesdienste. Er singt im Mettenchor, lernt Polyphonie, Kontrapunkt, neue Stile. Dann erlebt er den Stimmbruch. Die Stimme, mit der er bisher diente, verschwindet. Wieder ein Verlust, nach all den Verlusten bis zu dem Zeitpunkt. Wieder wird ihm der Halt genommen. Doch erneut verwandelt er den Verlust und die Haltlosigkeit in Antrieb und damit wird für mich eindeutig, dass der junge Bach bereits sehr tief religiös war und seinen eigentlichen Halt in Gott fand, als unvergänglicher Instanz, die ihn nicht im Stich lässt, die ihn nicht verlässt. Er wendet sich intensiver den Tasteninstrumenten zu. An der Stelle seiner Stimme werden Orgel und Cembalo zu seiner Sprache.

In Lüneburg entdeckt Bach auch neue musikalische Horizonte. Er hört den Organisten Georg Böhm, dessen Werke ihn prägen.[6] Böhm verbindet klare Choralmelodien mit kunstvollen Variationen. Bach erkennt, dass man die schlichte Gemeindemelodie in einen größeren Klangraum stellen kann.

Mit achtzehn Jahren erhält Bach seine erste Anstellung in Arnstadt. Er ist jung, voller Energie, verantwortlich für eine neue Orgel. Doch er spürt, dass er noch lernen muss. Mit zwanzig Jahren nimmt er Urlaub und reist zu Fuß nach Lübeck, etwa 400 Kilometer.[7] Sein Ziel ist der berühmte Organist Dieterich Buxtehude. Diese Reise ist ein Wagnis. Er bleibt länger als erlaubt, riskiert Kritik. Aber er folgt einem inneren Drang.

In Lübeck hört er die Abendmusiken, große geistliche Konzerte, die Musik und Predigt verbinden. Buxtehude improvisiert, verbindet Choräle mit freier Fantasie. Bach erlebt eine neue Dimension. Musik kann monumental sein und zugleich zutiefst religiös. Diese Erfahrung bestätigt, was er innerlich bereits ahnte: Musik ist definitiv ein Weg, Gott zu dienen.

Als er zurückkehrt, ist er verändert. Seine Spielweise wird komplexer, freier. Nicht alle verstehen ihn. Es kommt zu Spannungen, sogar zu der bekannten Auseinandersetzung mit dem Fagottisten Johann Heinrich Geyersbach. Der junge Bach verteidigt seine musikalischen Ansprüche leidenschaftlich. Diese Episode zeigt seine Entwicklung: Der stille Schüler ist ein junger Mann geworden, der für seine Überzeugungen einsteht. Auch die Verlängerung seines Aufenthaltes bei Buxtehude und die Tatsache, dass er damit seine Stelle riskiert, was oft erwähnt wird in der Bachforschung, wird als Nachweis für seine Bereitschaft gesehen für seine Überzeugungen einzustehen.

Nach meiner Ansicht vollzieht sich bei Bach zwischen zehn und dreiundzwanzig Jahren eine innere Reise. Verlust führt zur Suche nach Ordnung. Ordnung führt zur Arbeit. Arbeit führt zur Erkenntnis, dass Musik mehr ist als Klang. Jeder Rückschlag – der Tod der Eltern, das verbotene Notenbuch, der Stimmbruch, Kritik in Arnstadt – wird zum Antrieb. Bach hat schon in dieser Zeit eindeutig Halt in Gott gefunden und gelernt deshalb Halt nicht in äußeren Umständen zu suchen, sondern sucht lediglich einen zuverlässigen Weg zu dienen durch die Musik. Er sieht in der Struktur eines Chorals, in der Disziplin des Übens, in der Gewissheit, dass Musik eine höhere Aufgabe hat seine Weg wegen frühkindlicher Prägung im Elternhaus und so verbinden sich wohl in der Tiefe seiner Seele seine starke Verbindung zu Gott und seine musikalische Erziehung zu einer Art Vision seines Lebens.

So wächst in diesen Jahren ein Mensch heran, der seine Identität findet: nicht als Genie, sondern als Diener. Ein junger Mann, der begreift, dass Arbeit ihn trägt, dass Musik ihn ordnet und dass er durch diese Ordnung Gott dienen kann. Er fühlt die Größe seines Auftrags und sucht deshalb die Besten, um zu lernen, um sich zu entwickeln, um in der Lage sein zu können seinen Auftrag zu erfüllen. Seine spätere Größe beginnt exakt deshalb nicht im Ruhm, sondern in dieser stillen inneren Bewegung – in der Entdeckung, dass Sinn dort entsteht, wo Pflicht, Glaube und Musik einander tragen.

So beginnt seine dritte Phase des Lebens, die ich in meinem nächsten, dritten Text zu Bach, angehen werde.


Quellen
[1] Martin Geck, Johann Sebastian Bach. Leben und Werk, Reinbek 2000, 29–31.
[2] Christoph Wolff, Johann Sebastian Bach: The Learned Musician, New York 2000, 33–35.
[3] Hans-Joachim Schulze, Die Bach-Familie, Leipzig 1984, 19–23.
[4] Peter Williams, J. S. Bach: A Life in Music, Cambridge 2007, 18–21.
[5] Michael Maul, Johann Sebastian Bach. Komponist im Dienst der lutherischen Kirche, Kassel 2015, 36–39.
[6] John Eliot Gardiner, Bach: Music in the Castle of Heaven, London 2013, 58–60.
[7] Christoph Wolff, Johann Sebastian Bach, 68–72.