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Das Huhn


Jeder Humanist will die Geschichte des Huhns kennenlernen und durch sie unsere Macht zur biologischen Veränderung anderer Lebewesen, die während der Geschichte oft verwendet wurde. An keinem anderem Lebewesen wurde diese Macht jedoch so sehr verwendet, wie am Menschen.

Bevor wir über uns selbst und unsere Vorfahren sprechen, wollen wir das Huhn kennenlernen.

In der Natur war das Huhn ein Vogel unter vielen. Und es gab natürlich viele verschiedene Arten von Hühnern. Sie unterscheideten sich, aber sie legten vielleicht fünf-sechs Eier pro Brut und dies maximal ein-zwei Mal im Jahr. Es war dies ein zyklisches Verhalten, gebettet in den Rhythmus des Überlebens, und im Vordergrund existierte beim Huhn natürlich das Interesse sich fortzupflanzen.

Die heutige sog. Legehenne ist eine biologische Maschine, ein Paradoxon, das fast 300 Mal im Jahr den eigenen Körper entleert. Wer hat es deformiert? Wir sagen „der Mensch“, die Industrie, die Effizienz. Doch die Wahrheit ist dunkler: In der Geschichte der Domestizierung haben wir uns in einer unheiligen Allianz gegenseitig zugerichtet.

Die sado-masochistische Architektur

Es ist die klassische Dichotomie von Herr und Sklave. Der Herr deformiert den Sklaven durch den Zwang zur Produktion. Er beraubt ihn seiner Natur, doch in diesem Akt deformiert der Herr sich selbst: Er wird abhängig von der Qual des anderen; er definiert seine Existenz nur noch über die Unterwerfung. Er verliert die Fähigkeit, ohne den Sklaven zu sein. Wir essen so viele Eier, gekochte, Rühreier, poschierte, Eggs-Benedict, eine Vielzahl unserer Gerichte, Saucen, Mayonaise usw. enthalten Eier und beinahe unsere gesamte Dessertwelt, die Vielzahl unserer Kuchen, Torten, Gebäck... Wir können ohne Eier kaum leben, wobei natürlich vegan lebende Menschen eingeweichte Chia-Samen mittlerweile die Veganen-Eier nennen. Unsere Legehennen produzieren auf unserem Planeten, sage und schreibe, ca. 1,6 Billionen Eier pro Jahr, die wir konsumieren. Alleine China produziert über 400 Milliarden davon und die USA über 100 Milliarden. Im globalen Schnitt produzieren unsere Legehennen, bei 8 Milliarden von uns Menschen, ca. 200 Eier pro Mensch pro Jahr, wobei der Konsum von Land zu Land extrem schwankt. In Teilen Afrikas werden ca. 50 Eier pro Jahr pro Person konsumiert, im Gegenzug in Mexico ca. 350. Dann kommen noch die Hühner drauf, die wir mästen um direkt ihr Fleisch zu konsumieren...

Und das Huhn? Es hat sich selbst deformiert, um in der Hölle der Hyperproduktion zu überleben. Es hat den Habitus der totalen Verausgabung angenommen, bis es nichts anderes mehr wurde als eine Eier-Maschine. Leben unsere Legehennen schlecht? Natürlich, wenn sie ihr Leben in einem kleinen Käfig verbringen, wie sehr viele das tun, aber wir haben mittlerweile auch Bio Eier, empfunden als eine Rettung für viele Menschen, denen es am Tierwohl liegt, aber auch diese Bio Eier kommen von Legehennen, die hunderte Eier pro Jahr legen, die also schon lange nicht mehr "Bio" sind, aber sich zumindest bewegen, Rasen unter den Füßen erleben, hier und da einen Wurm und Käfer essen.

Leben sie wohl? Natürlich, viel besser und sicherer als in der Natur, voll von Prädatoren und Mitstreitern um Nahrung. Haben sie sich angepasst an die Menschen, die ihnen täglich die Eier wegnehmen, sodass keine Brut wirklich zu Stande kommen kann und sie sich im ewigen Zyklus der Produktion befinden. Oder sind sie einfach gefangen?

Unsere Legehennen leben ca. 1 bis 1,5 Jahre, sie könnten theoretisch bis zu 10 Jahren leben, aber nach ca. 1 bis 1,5 Jahren sinkt ihre Produktionskapazität und sie lohnen sich nicht mehr. So werden sie "entstallt", zu Fleisch verarbeitet (z. B. Chicken Nuggets) oder für Suppen genutzt als Suppenhühner oder einfach zu Tierfutter gemixt.

Denken Sie nicht, dass es mit unseren Bio-Legehennen anders ist - im Gegenteil, die sind schließlich auch wirtschaftlich genutzte Tiere und werden nach 18 Monaten, höchstens 24, ausgetauscht.

Zu uns Menschen
Oft denke ich, dass der kommunistische Gedanke im Endeffekt ein Aufruf war, der im Endeffekt sagte "lasst uns alle Hühner sein“. Die Kommunisten versuchten es die Trennung zwischen den Menschen aufzuheben, indem sie alle in die Pflicht des Legens nehmen wollten, die Bourgeoisie und die Arbeiter. Doch das Ergebnis war kein Ende der Deformation, sondern ihre Verallgemeinerung. Das Individuum blieb eine Eier-Maschine in der grauen Masse kollektiver Erschöpfung.

Nun lockt das Gegenteil: „Lasst uns alle Herren sein“, mit endlosen KI's und bald Robotern und natürlich unseren vielen Maschinen, gemeinsam betrachtet als unserem absoluten Sklavenheer. Doch ist das nicht vielleicht auch eine Sackgasse? Was weiß ich, aber es scheint mir, dass ein Herr ohne ein Gegenüber, im Endeffekt nur ein Schatten ist. Wer nur noch herrscht, ohne selbst zu schöpfen, verkümmert. Eine Welt voller Herren, die nichts mehr tun, ist eine Welt voller deformierter Seelen, die in der totalen Leere ihres „Habens“ verhungern.

Vielleicht, um dialektisch zu denken, wenn wir schon den Kommunismus erwähnen, benötigt es eine Synthese, eine die jenseits von einer allgemein verpflichtenden Herren- oder Sklavenmoral. Die KI und die Roboter übernehmen nicht die Arbeit von uns, damit wir alle Herren werden können, sondern damit wir endlich frei werden für eine erforschende, neugierige und bewundernde Existenz. Wir verstehen schließlich weder uns noch diese Realität, alles was ist bleibt ein Mysterium. Wir werden jedoch immer klüger und fähiger weiter an der Entschlüsselung dieser Realität zu arbeiten und mit einer Abschaffung der existenziellen Arbeit bzw. dem Anvertrauten derselben an die Roboter, Maschinen und KI, hätte die Menschheit mehr Zeit für Muße, spirituellen Wachstum und Dankbarkeit.

Es könnten in dieser stillen Revolution, die bereits im Gange ist, sowohl Herren und Sklaven ihre Funktion verlieren. Die Energie in uns, die wir jahrtausendelang in Machtkämpfe und gegenseitige Unterwerfung gesteckt haben, würde frei werden. Frei für das, was uns wirklich zum Menschen macht: einer ehrlichen Begegnung auf Augenhöhe.

Wir könnten versuchen, so verrückt es klingt, uns zu lieben, uns auszutauschen, im gleichen Maße zu geben und zu nehmen, ohne den Zwang, den anderen für das eigene Überleben nutzen und auch deformieren zu müssen. Ich spreche von einem Humanismus der Neugier – einem Zustand, in dem wir die Welt und einander nicht mehr als Beute sehen, sondern als Partner in einem lebenslangen Austausch.

Dieser Planet wäre kein Gefängnis in dem wir alle zu Tode verurteilt sind, sondern ein Begegnungsort für, mit der Zeit, ein immer längeres Leben und auch eine Erforschung des Alls.

Oder wird die KI einfach ein neues Huhn, einer neuer Sklave, ein neuer Arbeiter den wir quälen und deformieren?

Wir müssen noch auf die Emphatie eingehen, denn sie ist ein großer Teil unserer menschlichen Deformation. Der Sklave brauchte schließlich Empathie, um die Launen des Herrn vorherzusehen und so entwickelte er sie in hohem Maße zum Schutz. Der Herr dagegen nutzte eine kalte Form der Empathie, um die Schwachstellen des Unterworfenen zu finden, d.h. er übte sich in Manipulation als Kontrolle über die Sklaven. Auf beiden Seiten, in beiden Psychen entwickelte sich die Empathie, aber zweckgebunden an das Überleben, als Mechanismus.

Für den neuen Humanismus, den ich hier anspreche und anrege, müsste eine neue Empathie entstehen, eine Emphatie auf Augenhöhe. Fällt der Druck der Arbeit für Existenz und viel wichtiger, auch des Kampfes um Macht und Status, fällt automatisch der Druck weg, andere Menschen funktionalisieren zu müssen. Empathie wird dann Zweckfrei.

Wir fühlen mit anderen, nicht um sie zu steuern oder uns zu schützen, sondern um sie zu erkennen und uns noch besser kennenzulernen. Wir werden wie die Kinder...

Es würde alles, das denke ich zunehmend, noch radikaler werden im Sinne der möglichen Resonanz: in einer Welt ohne Machtkämpfe wäre Empathie schließlich der Klebstoff. Wir würden im Anderen weder Beute noch Gefahr erleben müssen, sondern uns selbst als freies Wesen spüren. Bedingen würde diese aber auch einen Mut zur Dissonanz, denn Empathie in Freiheit bbedeutet schließlich auch, dem anderen zuzumuten, seine eigene Dissonanz auszuhalten. Wir müssten uns also auch nicht mehr gegenseitig „retten“, sondern könnten einander in unserer Eigenheit anerkennen und stehen lassen.

Empathie wäre dann kein Werkzeug im Machtkampf mehr, sondern das Organ, mit dem wir die Neugier auf den anderen erst wirklich ausleben können. Die Abschaffung der notwendigen Arbeit zu Existenz-Zwecken wäre dabei nur der erste Schritt, der zweite wäre die Abschaffung der Machtkämpfe und dieser ist deutlich schwieriger, aber er wird einfacher, wenn wir beginnen das Machtbedürfnis als eine Krankheit zu verstehen. Dazu mehr im nächsten Essay "Die größte Krankheit".