Rassismus, Nationalismus, Migrantismus – was kommt als Nächstes und woher?
Wenn ich unsere Menschheit betrachte, fällt mir immer wieder dieselbe merkwürdige Bewegung auf: Wir Menschen erschaffen Kategorien, und kurz darauf beginnen diese Kategorien, über uns zu herrschen. Zuerst dienen sie der Orientierung. Dann der Zugehörigkeit. Schließlich der Abgrenzung. Und nicht selten enden sie irgendwann in Verachtung, Angst oder Gewalt. Einmal waren es Stämme. Dann Religionen. Dann Klassen. Dann Nationen und „Rassen“. Heute sprechen wir zunehmend von „Migranten“ und „Einheimischen“. Morgen vielleicht von Menschen und künstlichen Intelligenzen oder von biologischen und technisch erweiterten Menschen. Die Begriffe wechseln. Die Struktur bleibt erstaunlich ähnlich. Als ich jünger war, dachte ich oft, rassistische Weltbilder seien einfach das Werk böser oder besonders dummer Menschen. Mit der Zeit wurde mir jedoch klar, dass dies zu einfach gedacht ist. Denn der Rassismus entstand nicht im luftleeren Raum. Er entstand aus sehr menschlichen Bedürfnissen: aus Angst, aus Identitätssuche, aus Machtstreben, aus dem Wunsch nach Ordnung, Zugehörigkeit und manchmal auch aus schlichter Destruktivität. Biologisch ergibt Rassismus kaum Sinn. Wir gehören weitgehend derselben Spezies an, Unterschiede zwischen Menschen sind überwiegend phänotypischer Natur. Und selbst wenn die Unterschiede größer wären – was würde daraus folgen? Humanistische Ziele bestanden doch gerade immer darin, Menschen trotz ihrer Unterschiede miteinander zu verbinden. Und dennoch war der Rassismus real. Nicht nur am Rand der Gesellschaft, sondern oft in ihrer Mitte. Ganze öffentliche Meinungen, Institutionen und Wissenschaften waren von ihm durchdrungen. Millionen Menschen starben durch Weltanschauungen, die behaupteten, Ordnung zu schaffen, während sie in Wahrheit Entmenschlichung organisierten. Dann kam der Nationalismus mit seiner gewaltigen psychologischen Kraft, die sich weiterhin entfaltet. Nationen sind merkwürdige Gebilde. Menschen, die einander nie gesehen haben, empfinden plötzlich tiefe Verbundenheit, weil sie dieselbe Sprache sprechen, dieselben Lieder singen oder dieselbe Flagge verehren. Gleichzeitig können andere Menschen, die nur wenige Kilometer entfernt leben, plötzlich als Fremde erscheinen. Auch der Nationalismus hatte und hat seine produktive Seite. Er konnte Gemeinschaft erzeugen, Solidarität stiften, Kulturen bewahren und Menschen motivieren, Verantwortung füreinander zu übernehmen. Aber wie jede starke Identität trug auch er immer die Möglichkeit in sich, aggressiv zu werden. Denn sobald ein „Wir“ entsteht, erscheint fast unvermeidlich irgendwann auch ein „Sie“. Vielleicht liegt hierin eines der tiefsten Probleme der menschlichen Existenz: Dass Identität und Abgrenzung oft gemeinsam entstehen. Wir Menschen scheinen dazu zu neigen, immer neue Trennlinien zu erzeugen, um Identität zu stabilisieren und Destruktivität zu organisieren. Heute scheint sich erneut eine neue große Kategorie in unser Denken zu schieben: der „Migrant“. Ich sage bewusst nicht „der Mensch, der migriert“, sondern „der Migrant“, denn genau darin liegt bereits etwas Interessantes. Aus einer Bewegung wird langsam eine Identität. Aus einer zeitweiligen Handlung wird eine dauerhafte Zuschreibung. Dabei waren letztlich fast alle Menschen irgendwann Migranten. Unsere Vorfahren wanderten, flohen, siedelten um, eroberten neue Gebiete oder wurden selbst verdrängt. Migration ist keine Ausnahme der Menschheitsgeschichte, sondern beinahe ihr Normalzustand. Ebenso unklar erscheint mir die Gegenkategorie: der „Einheimische“. Ab wann ist jemand einheimisch? Nach zwanzig Jahren? Nach vier Generationen? Nach tausend Jahren? Und wenn man weit genug zurückgeht, waren nicht fast alle Menschen irgendwann fremd an dem Ort, an dem ihre Nachfahren später Wurzeln schlugen? Dennoch gewinnen diese Begriffe zunehmend emotionale und politische Kraft. Und vielleicht beginnt genau hier etwas, das mich nachdenklich macht. Denn jede starke gesellschaftliche Kategorie erzeugt früher oder später ihre Gegenbewegung. So wie das Rassenweltbild irgendwann den Begriff des „Rassisten“ hervorbrachte, frage ich mich manchmal, ob aus dem heutigen starken Beharren auf „Migranten“ und „Einheimischen“ irgendwann etwas entstehen wird, das man vielleicht „Migrantismus“ nennen könnte. Eine neue ideologische Fixierung auf Herkunft und Bewegung als zentrale Kategorien des Menschseins. Und würden dann „Migrantisten“ jene heißen, die Menschen primär über ihren Migrationsstatus definieren – sei es positiv oder negativ? Ich weiß es nicht. Vielleicht irre ich mich. Vielleicht sucht mein Geist nur erneut nach Mustern. Aber die Geschichte lehrt uns, dass Menschen erstaunlich kreativ darin sind, immer neue Trennlinien zu erschaffen. Und vielleicht folgt darauf eines Tages tatsächlich etwas ganz anderes. Vielleicht unterscheiden Menschen künftig zwischen biologischen Menschen und Maschinen, zwischen natürlich Geborenen und technisch Optimierten, zwischen Bewusstsein und künstlicher Intelligenz. Vielleicht wird auch dies wieder moralisch aufgeladen werden. Vielleicht werden sich erneut Gruppen bilden, die einander misstrauen, bekämpfen oder entmenschlichen. Die Kategorien ändern sich. Der Mensch bleibt sich oft erschreckend ähnlich. Dabei glaube ich nicht, dass die Lösung darin besteht, Unterschiede zu leugnen. Unterschiede existieren. Menschen sprechen verschiedene Sprachen, leben in unterschiedlichen Traditionen und entwickeln unterschiedliche Lebensformen. Das Problem beginnt nicht mit dem Unterschied. Es beginnt dort, wo Unterschiede zu moralischen Hierarchien werden. Vielleicht besteht die eigentliche humanistische Aufgabe deshalb darin, lernen zu müssen, Unterschiede auszuhalten, ohne aus ihnen Feindbilder zu formen. Wir sind sterbliche Wesen. Wir werden diese Welt verlassen müssen, ganz gleich wie viel Eigentum, Macht oder Einfluss wir anhäufen. Natürlich können wir versuchen, unser Leben angenehmer zu gestalten. Aber auf wessen Kosten? Und was geschieht dabei mit uns selbst? Früher lebten manche auf Kosten von Sklaven. Dann auf Kosten von Leibeigenen. Dann im Namen von Rassen, Nationen oder Klassen. Heute vielleicht zunehmend entlang neuer gesellschaftlicher Kategorien. Und dennoch bleibt am Ende eine einfache, fast kindliche Frage zurück: Warum fällt es uns so schwer, miteinander zu leben, ohne einander ständig in Gruppen einzuteilen, gegeneinander aufzuwiegeln und schließlich zu hassen? Vielleicht weil Identität dem Menschen Halt gibt. Vielleicht weil Angst nach Ordnung verlangt. Vielleicht aber auch, weil in uns nicht nur die Sehnsucht nach Gemeinschaft lebt, sondern ebenso die Möglichkeit zur, bzw. manchmal denke ich fast das Bedürfnis nach Destruktivität. Gerade deshalb sollten wir vorsichtig werden, sobald irgendeine Kategorie beginnt, wichtiger zu werden als der Mensch selbst.
