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Johann Sebastian Bach #3 - Seelische Festigung und äußere Gestaltung (23–38 Jahre)


Als Johann Sebastian Bach im Jahr 1708 im Alter von dreiundzwanzig Jahren nach Weimar geht, tritt er in eine neue Phase seines Lebens ein. Die Jahre der Suche liegen hinter ihm. In Ohrdruf, Lüneburg, Arnstadt und Mühlhausen hat er gelernt, sich zu ordnen, zu arbeiten und seinen Weg zu behaupten. Nun beginnt eine Zeit, in der er nicht mehr nur lernt, sondern gestaltet.

Bach ist zu diesem Zeitpunkt bereits verheiratet. Am 17. Oktober 1707 hat er in Dornheim Maria Barbara Bach geheiratet, seine Cousine zweiten Grades, die aus einer ebenso musikalisch geprägten Familie stammt. Mit ihr beginnt er ein eigenes Leben aufzubauen. Doch dieses Leben ist von Anfang an nicht ruhig. Zwischen 1708 und 1718 werden sieben Kinder geboren: Catharina Dorothea (getauft am 29. Dezember 1708), Wilhelm Friedemann (geboren am 22. November 1710), die Zwillinge Johann Christoph und Maria Sophia (geboren am 23. Februar 1713, beide früh verstorben), Carl Philipp Emanuel (geboren am 8. März 1714), Johann Gottfried Bernhard (geboren am 11. Mai 1715) und schließlich Leopold Augustus (geboren 1718 in Köthen, ebenfalls früh verstorben). Drei dieser Kinder überleben die ersten Lebensjahre nicht.

Der Haushalt, den Bach in Weimar führt, ist kein privater Rückzugsort im modernen Sinne. Neben seiner Frau und den Kindern lebt auch Maria Barbaras Schwester Friedelena Margaretha Bach dauerhaft im Haus. Es handelt sich um einen offenen, funktionalen Haushalt: Ort des Lebens, des Lernens, der Arbeit. Hier wird unterrichtet, geübt, musiziert. Bach ist nicht nur Musiker, sondern Vater, Ehemann und Verantwortlicher innerhalb eines wachsenden familiären Gefüges.

In Weimar übernimmt Bach 1708 die Stellung als Hoforganist und Kammermusiker am Hof Herzog Wilhelm Ernsts. 1714 wird er zum Konzertmeister ernannt. Mit dieser Beförderung ist eine klare Verpflichtung verbunden: Er hat regelmäßig neue Kirchenmusik zu liefern, in der Regel monatlich eine Kantate. Seine Musik entsteht damit nicht außerhalb von Strukturen, sondern innerhalb fester Erwartungen. Sie ist Teil seines Amtes.

Diese Einbindung in Ordnung bedeutet jedoch nicht Anpassung. Bach zeigt in diesen Jahren eine ausgeprägte Eigenständigkeit. Als er 1717 eine neue Stelle als Kapellmeister in Köthen annimmt und seine Entlassung aus dem Weimarer Dienst erzwingen will, wird er verhaftet. Vom 6. November bis zum 2. Dezember 1717 sitzt er in Haft, offiziell „wegen seiner halsstarrigen Bezeugung und Erzwingung seiner Entlassung“. Diese Episode ist kein Randdetail. Sie zeigt einen Menschen, der bereit ist, persönliche Konsequenzen zu tragen, um seinen eigenen Weg zu gehen.

Nach seiner Freilassung verlässt Bach Weimar und tritt die Stelle als Kapellmeister am Hof Fürst Leopolds von Anhalt-Köthen an. Dort ist er „Director der Cammer-Musiquen“, verantwortlich für ein professionelles Ensemble, für Proben, Aufführungen und die gesamte musikalische Organisation des Hofes. Sein Leben verlagert sich stärker in den höfischen Raum. Die äußeren Bedingungen ändern sich, die Verantwortung wächst.

Doch auch in dieser Phase bleibt sein Leben nicht von Einschnitten verschont. Im Juli 1720 stirbt seine Frau Maria Barbara plötzlich in Köthen, während Bach sich mit dem Fürsten auf einer Reise in Karlsbad befindet. Er kehrt zurück und findet sein Haus verändert vor. Mit fünfunddreißig Jahren steht er als Witwer mit mehreren Kindern da. Wieder wird ihm ein tragender Teil seines Lebens genommen.

Und doch zeigt sich auch hier die Struktur, die sich durch sein Leben zieht. Bach bricht nicht. Er ordnet sich neu. 1721 heiratet er Anna Magdalena Wilcke, eine Sängerin am Köthener Hof, und stellt seinen Haushalt erneut auf. Leben wird nicht unterbrochen, sondern weitergeführt.

Parallel zu diesen äußeren Entwicklungen vollzieht sich eine innere Bewegung. Musik ist für Bach in diesen Jahren nicht mehr nur handwerkliche Tätigkeit oder berufliche Pflicht. Sie wird zu einem Ort, an dem sich für ihn eine Ordnung zeigt, die über das unmittelbar Sichtbare hinausweist. In der Arbeit an musikalischen Formen – im Aufbau von Stimmen, im Durchhalten von Strukturen, im Finden von Zusammenhängen – erfährt er etwas, das sich nicht allein technisch beschreiben lässt.

Später wird Bach in seiner Bibel notieren, dass bei andächtiger Musik Gott mit seiner Gnade gegenwärtig ist. Diese Haltung entsteht nicht plötzlich. Sie wächst in diesen Jahren. Sie ist Ergebnis eines Lebens, das sich zwischen Verantwortung, Verlust, Pflicht und Arbeit entfaltet. Musik wird für ihn zu einem Raum, in dem sich das Verhältnis zwischen Mensch und Gott konkretisiert – nicht theoretisch, sondern praktisch, im Tun.

Dabei ist Bach kein zurückgezogener Mensch. Er wirkt öffentlich, tritt auf, prüft Orgeln, spielt vor, wird wahrgenommen. Sein Ruf als Organist und Musiker wächst. Gleichzeitig bleibt er in die Hierarchien seiner Zeit eingebunden. Er dient dem Hof, erfüllt Erwartungen, bewegt sich innerhalb klarer sozialer Strukturen.

Gerade in dieser Spannung gewinnt sein Leben seine Form. Nach innen entsteht eine zunehmende Festigung: eine klare Ausrichtung, ein wachsendes Verständnis dessen, was seine Aufgabe ist. Nach außen gestaltet er: er führt einen Haushalt, übernimmt Verantwortung, wirkt in Amt und Gesellschaft.

So verbinden sich in diesen Jahren drei Ebenen: das familiäre Leben, das ihn bindet und fordert; die innere Arbeit, in der Musik für ihn zu einem Ort der Begegnung mit dem Göttlichen wird; und die äußere Ordnung, in der er als Amtsträger wirkt und sich behauptet.

Am Ende dieser Phase steht Bach nicht mehr als Suchender, sondern als ein Mensch, der seine Form gefunden hat. Er weiß, was er kann, und beginnt zu verstehen, wofür er es einsetzt. Seine Identität liegt nicht im Ruhm, sondern in der Verbindung von Pflicht, Glaube und Arbeit.

Als er 1723 nach Leipzig geht und dort das Amt des Thomaskantors übernimmt, beginnt eine neue Phase seines Lebens. Alles, was sich in diesen Jahren geformt hat, tritt nun in einen größeren Zusammenhang.


Quellen (Auswahl)

  • Christoph Wolff, Johann Sebastian Bach: The Learned Musician, New York 2000.
  • Martin Geck, Johann Sebastian Bach. Leben und Werk, Reinbek 2000.
  • Michael Maul, Johann Sebastian Bach. Komponist im Dienst der lutherischen Kirche, Kassel 2015.
  • Peter Williams, J. S. Bach: A Life in Music, Cambridge 2007.
  • John Eliot Gardiner, Bach: Music in the Castle of Heaven, London 2013.
  • Bach-Archiv Leipzig / Bach Digital: Werk- und Personendatenbank
  • Bach-Dokumente (Edition des Bach-Archivs Leipzig)