2026

Rassismus, Nationalismus, Migrantismus – was kommt als Nächstes und woher?

Wenn ich unsere Menschheit betrachte, fällt mir immer wieder dieselbe merkwürdige Bewegung auf: Wir Menschen erschaffen Kategorien, und kurz darauf beginnen diese Kategorien, über uns zu herrschen. Zuerst dienen sie der Orientierung. Dann der Zugehörigkeit. Schließlich der Abgrenzung. Und nicht selten enden sie irgendwann in Verachtung, Angst oder Gewalt. Einmal waren es Stämme. Dann Religionen. Dann Klassen. Dann Nationen und „Rassen“. Heute sprechen wir zunehmend von „Migranten“ und „Einheimischen“. Morgen vielleicht von Menschen und künstlichen Intelligenzen oder von biologischen und technisch erweiterten Menschen. Die Begriffe wechseln. Die Struktur bleibt erstaunlich ähnlich. Als ich jünger war, dachte ich oft, rassistische Weltbilder seien einfach das Werk böser oder besonders dummer Menschen. Mit der Zeit wurde mir jedoch klar, dass dies zu einfach gedacht ist. Denn der Rassismus entstand nicht im luftleeren Raum. Er entstand aus sehr menschlichen Bedürfnissen: aus Angst, aus Identitätssuche, aus Machtstreben, aus dem Wunsch nach Ordnung, Zugehörigkeit und manchmal auch aus schlichter Destruktivität. Biologisch ergibt Rassismus kaum Sinn. Wir gehören weitgehend derselben Spezies an, Unterschiede zwischen Menschen sind überwiegend phänotypischer Natur. Und selbst wenn die Unterschiede größer wären – was würde daraus folgen? Humanistische Ziele bestanden doch gerade immer darin, Menschen trotz ihrer Unterschiede miteinander zu verbinden. Und dennoch war der Rassismus real. Nicht nur am Rand der Gesellschaft, sondern oft in ihrer Mitte. Ganze öffentliche Meinungen, Institutionen und Wissenschaften waren von ihm durchdrungen. Millionen Menschen starben durch Weltanschauungen, die behaupteten, Ordnung zu schaffen, während sie in Wahrheit Entmenschlichung organisierten. Dann kam der Nationalismus mit seiner gewaltigen psychologischen Kraft, die sich weiterhin entfaltet. Nationen sind merkwürdige Gebilde. Menschen, die einander nie gesehen haben, empfinden plötzlich tiefe Verbundenheit, weil sie dieselbe Sprache sprechen, dieselben Lieder singen oder dieselbe Flagge verehren. Gleichzeitig können andere Menschen, die nur wenige Kilometer entfernt leben, plötzlich als Fremde erscheinen. Auch der Nationalismus hatte und hat seine produktive Seite. Er konnte Gemeinschaft erzeugen, Solidarität stiften, Kulturen bewahren und Menschen motivieren, Verantwortung füreinander zu übernehmen. Aber wie jede starke Identität trug auch er immer die Möglichkeit in sich, aggressiv zu werden. Denn sobald ein „Wir“ entsteht, erscheint fast unvermeidlich irgendwann auch ein „Sie“. Vielleicht liegt hierin eines der tiefsten Probleme der menschlichen Existenz: Dass Identität und Abgrenzung oft gemeinsam entstehen. Wir Menschen scheinen dazu zu neigen, immer neue Trennlinien zu erzeugen, um Identität zu stabilisieren und Destruktivität zu organisieren. Heute scheint sich erneut eine neue große Kategorie in unser Denken zu schieben: der „Migrant“. Ich sage bewusst nicht „der Mensch, der migriert“, sondern „der Migrant“, denn genau darin liegt bereits etwas Interessantes. Aus einer Bewegung wird langsam eine Identität. Aus einer zeitweiligen Handlung wird eine dauerhafte Zuschreibung. Dabei waren letztlich fast alle Menschen irgendwann Migranten. Unsere Vorfahren wanderten, flohen, siedelten um, eroberten neue Gebiete oder wurden selbst verdrängt. Migration ist keine Ausnahme der Menschheitsgeschichte, sondern beinahe ihr Normalzustand. Ebenso unklar erscheint mir die Gegenkategorie: der „Einheimische“. Ab wann ist jemand einheimisch? Nach zwanzig Jahren? Nach vier Generationen? Nach tausend Jahren? Und wenn man weit genug zurückgeht, waren nicht fast alle Menschen irgendwann fremd an dem Ort, an dem ihre Nachfahren später Wurzeln schlugen? Dennoch gewinnen diese Begriffe zunehmend emotionale und politische Kraft. Und vielleicht beginnt genau hier etwas, das mich nachdenklich macht. Denn jede starke gesellschaftliche Kategorie erzeugt früher oder später ihre Gegenbewegung. So wie das Rassenweltbild irgendwann den Begriff des „Rassisten“ hervorbrachte, frage ich mich manchmal, ob aus dem heutigen starken Beharren auf „Migranten“ und „Einheimischen“ irgendwann etwas entstehen wird, das man vielleicht „Migrantismus“ nennen könnte. Eine neue ideologische Fixierung auf Herkunft und Bewegung als zentrale Kategorien des Menschseins. Und würden dann „Migrantisten“ jene heißen, die Menschen primär über ihren Migrationsstatus definieren – sei es positiv oder negativ? Ich weiß es nicht. Vielleicht irre ich mich. Vielleicht sucht mein Geist nur erneut nach Mustern. Aber die Geschichte lehrt uns, dass Menschen erstaunlich kreativ darin sind, immer neue Trennlinien zu erschaffen. Und vielleicht folgt darauf eines Tages tatsächlich etwas ganz anderes. Vielleicht unterscheiden Menschen künftig zwischen biologischen Menschen und Maschinen, zwischen natürlich Geborenen und technisch Optimierten, zwischen Bewusstsein und künstlicher Intelligenz. Vielleicht wird auch dies wieder moralisch aufgeladen werden. Vielleicht werden sich erneut Gruppen bilden, die einander misstrauen, bekämpfen oder entmenschlichen. Die Kategorien ändern sich. Der Mensch bleibt sich oft erschreckend ähnlich. Dabei glaube ich nicht, dass die Lösung darin besteht, Unterschiede zu leugnen. Unterschiede existieren. Menschen sprechen verschiedene Sprachen, leben in unterschiedlichen Traditionen und entwickeln unterschiedliche Lebensformen. Das Problem beginnt nicht mit dem Unterschied. Es beginnt dort, wo Unterschiede zu moralischen Hierarchien werden. Vielleicht besteht die eigentliche humanistische Aufgabe deshalb darin, lernen zu müssen, Unterschiede auszuhalten, ohne aus ihnen Feindbilder zu formen. Wir sind sterbliche Wesen. Wir werden diese Welt verlassen müssen, ganz gleich wie viel Eigentum, Macht oder Einfluss wir anhäufen. Natürlich können wir versuchen, unser Leben angenehmer zu gestalten. Aber auf wessen Kosten? Und was geschieht dabei mit uns selbst? Früher lebten manche auf Kosten von Sklaven. Dann auf Kosten von Leibeigenen. Dann im Namen von Rassen, Nationen oder Klassen. Heute vielleicht zunehmend entlang neuer gesellschaftlicher Kategorien. Und dennoch bleibt am Ende eine einfache, fast kindliche Frage zurück: Warum fällt es uns so schwer, miteinander zu leben, ohne einander ständig in Gruppen einzuteilen, gegeneinander aufzuwiegeln und schließlich zu hassen? Vielleicht weil Identität dem Menschen Halt gibt. Vielleicht weil Angst nach Ordnung verlangt. Vielleicht aber auch, weil in uns nicht nur die Sehnsucht nach Gemeinschaft lebt, sondern ebenso die Möglichkeit zur, bzw. manchmal denke ich fast das Bedürfnis nach Destruktivität. Gerade deshalb sollten wir vorsichtig werden, sobald irgendeine Kategorie beginnt, wichtiger zu werden als der Mensch selbst.

Johann Sebastian Bach #3 - Seelische Festigung und äußere Gestaltung

Als Johann Sebastian Bach im Jahr 1708 im Alter von dreiundzwanzig Jahren nach Weimar geht, tritt er in eine neue Phase seines Lebens ein. Die Jahre der Suche liegen hinter ihm. In Ohrdruf, Lüneburg, Arnstadt und Mühlhausen hat er gelernt, sich zu ordnen, zu arbeiten und seinen Weg zu behaupten. Nun beginnt eine Zeit, in der er nicht mehr nur lernt, sondern gestaltet.

Bach ist zu diesem Zeitpunkt bereits verheiratet. Am 17. Oktober 1707 hat er in Dornheim Maria Barbara Bach geheiratet, seine Cousine zweiten Grades, die aus einer ebenso musikalisch geprägten Familie stammt. Mit ihr beginnt er ein eigenes Leben aufzubauen. Doch dieses Leben ist von Anfang an nicht ruhig. Zwischen 1708 und 1718 werden sieben Kinder geboren: Catharina Dorothea (getauft am 29. Dezember 1708), Wilhelm Friedemann (geboren am 22. November 1710), die Zwillinge Johann Christoph und Maria Sophia (geboren am 23. Februar 1713, beide früh verstorben), Carl Philipp Emanuel (geboren am 8. März 1714), Johann Gottfried Bernhard (geboren am 11. Mai 1715) und schließlich Leopold Augustus (geboren 1718 in Köthen, ebenfalls früh verstorben). Drei dieser Kinder überleben die ersten Lebensjahre nicht.

Der Haushalt, den Bach in Weimar führt, ist kein privater Rückzugsort im modernen Sinne. Neben seiner Frau und den Kindern lebt auch Maria Barbaras Schwester Friedelena Margaretha Bach dauerhaft im Haus. Es handelt sich um einen offenen, funktionalen Haushalt: Ort des Lebens, des Lernens, der Arbeit. Hier wird unterrichtet, geübt, musiziert. Bach ist nicht nur Musiker, sondern Vater, Ehemann und Verantwortlicher innerhalb eines wachsenden familiären Gefüges.

In Weimar übernimmt Bach 1708 die Stellung als Hoforganist und Kammermusiker am Hof Herzog Wilhelm Ernsts. 1714 wird er zum Konzertmeister ernannt. Mit dieser Beförderung ist eine klare Verpflichtung verbunden: Er hat regelmäßig neue Kirchenmusik zu liefern, in der Regel monatlich eine Kantate. Seine Musik entsteht damit nicht außerhalb von Strukturen, sondern innerhalb fester Erwartungen. Sie ist Teil seines Amtes.

Diese Einbindung in Ordnung bedeutet jedoch nicht Anpassung. Bach zeigt in diesen Jahren eine ausgeprägte Eigenständigkeit. Als er 1717 eine neue Stelle als Kapellmeister in Köthen annimmt und seine Entlassung aus dem Weimarer Dienst erzwingen will, wird er verhaftet. Vom 6. November bis zum 2. Dezember 1717 sitzt er in Haft, offiziell „wegen seiner halsstarrigen Bezeugung und Erzwingung seiner Entlassung“. Diese Episode ist kein Randdetail. Sie zeigt einen Menschen, der bereit ist, persönliche Konsequenzen zu tragen, um seinen eigenen Weg zu gehen.

Nach seiner Freilassung verlässt Bach Weimar und tritt die Stelle als Kapellmeister am Hof Fürst Leopolds von Anhalt-Köthen an. Dort ist er „Director der Cammer-Musiquen“, verantwortlich für ein professionelles Ensemble, für Proben, Aufführungen und die gesamte musikalische Organisation des Hofes. Sein Leben verlagert sich stärker in den höfischen Raum. Die äußeren Bedingungen ändern sich, die Verantwortung wächst.

Doch auch in dieser Phase bleibt sein Leben nicht von Einschnitten verschont. Im Juli 1720 stirbt seine Frau Maria Barbara plötzlich in Köthen, während Bach sich mit dem Fürsten auf einer Reise in Karlsbad befindet. Er kehrt zurück und findet sein Haus verändert vor. Mit fünfunddreißig Jahren steht er als Witwer mit mehreren Kindern da. Wieder wird ihm ein tragender Teil seines Lebens genommen.

Und doch zeigt sich auch hier die Struktur, die sich durch sein Leben zieht. Bach bricht nicht. Er ordnet sich neu. 1721 heiratet er Anna Magdalena Wilcke, eine Sängerin am Köthener Hof, und stellt seinen Haushalt erneut auf. Leben wird nicht unterbrochen, sondern weitergeführt.

Parallel zu diesen äußeren Entwicklungen vollzieht sich eine innere Bewegung. Musik ist für Bach in diesen Jahren nicht mehr nur handwerkliche Tätigkeit oder berufliche Pflicht. Sie wird zu einem Ort, an dem sich für ihn eine Ordnung zeigt, die über das unmittelbar Sichtbare hinausweist. In der Arbeit an musikalischen Formen – im Aufbau von Stimmen, im Durchhalten von Strukturen, im Finden von Zusammenhängen – erfährt er etwas, das sich nicht allein technisch beschreiben lässt.

Später wird Bach in seiner Bibel notieren, dass bei andächtiger Musik Gott mit seiner Gnade gegenwärtig ist. Diese Haltung entsteht nicht plötzlich. Sie wächst in diesen Jahren. Sie ist Ergebnis eines Lebens, das sich zwischen Verantwortung, Verlust, Pflicht und Arbeit entfaltet. Musik wird für ihn zu einem Raum, in dem sich das Verhältnis zwischen Mensch und Gott konkretisiert – nicht theoretisch, sondern praktisch, im Tun.

Dabei ist Bach kein zurückgezogener Mensch. Er wirkt öffentlich, tritt auf, prüft Orgeln, spielt vor, wird wahrgenommen. Sein Ruf als Organist und Musiker wächst. Gleichzeitig bleibt er in die Hierarchien seiner Zeit eingebunden. Er dient dem Hof, erfüllt Erwartungen, bewegt sich innerhalb klarer sozialer Strukturen.

Gerade in dieser Spannung gewinnt sein Leben seine Form. Nach innen entsteht eine zunehmende Festigung: eine klare Ausrichtung, ein wachsendes Verständnis dessen, was seine Aufgabe ist. Nach außen gestaltet er: er führt einen Haushalt, übernimmt Verantwortung, wirkt in Amt und Gesellschaft.

So verbinden sich in diesen Jahren drei Ebenen: das familiäre Leben, das ihn bindet und fordert; die innere Arbeit, in der Musik für ihn zu einem Ort der Begegnung mit dem Göttlichen wird; und die äußere Ordnung, in der er als Amtsträger wirkt und sich behauptet.

Am Ende dieser Phase steht Bach nicht mehr als Suchender, sondern als ein Mensch, der seine Form gefunden hat. Er weiß, was er kann, und beginnt zu verstehen, wofür er es einsetzt. Seine Identität liegt nicht im Ruhm, sondern in der Verbindung von Pflicht, Glaube und Arbeit.

Als er 1723 nach Leipzig geht und dort das Amt des Thomaskantors übernimmt, beginnt eine neue Phase seines Lebens. Alles, was sich in diesen Jahren geformt hat, tritt nun in einen größeren Zusammenhang.


Quellen (Auswahl)

  • Christoph Wolff, Johann Sebastian Bach: The Learned Musician, New York 2000.
  • Martin Geck, Johann Sebastian Bach. Leben und Werk, Reinbek 2000.
  • Michael Maul, Johann Sebastian Bach. Komponist im Dienst der lutherischen Kirche, Kassel 2015.
  • Peter Williams, J. S. Bach: A Life in Music, Cambridge 2007.
  • John Eliot Gardiner, Bach: Music in the Castle of Heaven, London 2013.
  • Bach-Archiv Leipzig / Bach Digital: Werk- und Personendatenbank
  • Bach-Dokumente (Edition des Bach-Archivs Leipzig)

Johann Sebastian Bach # 2 - seelische und territoriale Wanderungen

Wenn Johann Sebastian Bach im Alter von zehn Jahren nach Ohrdruf kommt, trägt er bereits mehr Erfahrung in sich, als ein Kind tragen sollte. Mutter und Vater sind gestorben, das vertraute Haus in Eisenach existiert nicht mehr. Was macht dies mit einem Kind?

Was ihm bleibt, ist ein Teil der Familie – und die Musik. Sein älterer Bruder, Johann Christoph Bach, nimmt ihn auf. Dieser ist Organist an der Michaeliskirche in Ohrdruf, streng, gewissenhaft, ein Mann der Ordnung. Das Haus, in das der junge Johann Sebastian eintritt, ist kein Ort der Trauer, sondern ein Ort der Arbeit. Unterricht, Üben, Gottesdienst – alles folgt einem Rhythmus. In einer kleinen thüringischen Stadt mit etwa zweitausend Einwohnern kennt jeder jeden; der Alltag ist überschaubar, die Kirche bildet den Mittelpunkt.[1]

Hier lernt Bach, dass Musik nicht aus spontaner Eingebung entsteht, sondern aus Wiederholung. Stundenlang übt er Orgel und Clavier, kopiert Noten, beobachtet seinen Bruder beim Unterrichten. Seine Welt wird kleiner, aber innerlich dichter. Die Ordnung der Übungen ersetzt die verlorene Ordnung der Familie. In dieser Zeit ereignet sich die bekannte Szene mit dem Notenheft. Der Bruder besitzt eine Sammlung wertvoller Stücke, die er verschlossen aufbewahrt. Darin befinden sich Werke von Komponisten wie Johann Pachelbel, Johann Jakob Froberger, Johann Caspar Kerll und Girolamo Frescobaldi.[2] Bach darf sie nicht benutzen. Doch der Wunsch zu lernen ist stärker als das Verbot. Nacht für Nacht kopiert er die Noten bei Mondlicht, heimlich, geduldig, über Monate hinweg. Als der Bruder es entdeckt, nimmt er ihm die Abschrift wieder weg.

Diese Szene ist entscheidend. Bach erlebt einen Rückschlag – und gleichzeitig wächst sein Wille. Wissen wird ihm entzogen, aber der Prozess des Kopierens hat ihn bereits verändert. Er hat die Musik verinnerlicht, nicht nur gelesen. Verlust verwandelt sich in Antrieb. Diese Haltung wird sein Leben prägen: Hindernisse werden nicht als Ende erlebt, sondern als Aufforderung, mehr zu tun.

In Ohrdruf begegnet er vor allem den Chorälen der lutherischen Tradition. Ein Choral ist ein Gemeindelied, meist in einfacher Melodie, das im Gottesdienst von allen gesungen wird. Diese Melodien sind für die lutherische Frömmigkeit zentral: Sie verbinden Theologie, Gemeinde und Musik. Für Bach, ich denke das kann man so sagen, werden sie zum Fundament seines Denkens. Der Choral ist schlicht, aber voller Bedeutung. Eine klare Melodie, ein Text über Gnade, Trost, Vergänglichkeit usw. Indem er diese Choräle begleitet, variiert und improvisiert, lernt Bach, dass Musik eine Botschaft trägt. Sie dient nicht dem Applaus, sondern dem Glauben. Durch sie wird ebenfalls Gott gedient. Ich denke diese Erkenntnis wächst langsam in Bach, fast unmerklich und mündet in einer Einstellung zur Musik, in der Musik beginnt als Verkündigung zu verstehen.[3]

Mit fünfzehn Jahren verlässt Bach auch Ohrdruf. Der Weg nach Lüneburg ist weit, etwa 300 Kilometer zu Fuß. Gemeinsam mit seinem Freund Georg Erdmann macht er sich auf den Weg.[4] Mehrere Wochen sind sie unterwegs, schlafen in einfachen Herbergen, gehen täglich zwanzig bis dreißig Kilometer. Diese Reise ist nicht nur geografisch. Zwei junge Männer verlassen die Enge Thüringens und betreten eine größere Welt. In Lüneburg, einer Stadt mit etwa 12.000 Einwohnern, ist das Leben vielfältiger. Händler, Schüler, Musiker, Soldaten – alles wirkt offener, beweglicher.[5]

In der Michaelisschule wird Bach Chorsänger. Der Tagesablauf ist streng: Gebet am Morgen, Unterricht in Latein und Theologie, Chorproben, Gottesdienste. Er singt im Mettenchor, lernt Polyphonie, Kontrapunkt, neue Stile. Dann erlebt er den Stimmbruch. Die Stimme, mit der er bisher diente, verschwindet. Wieder ein Verlust, nach all den Verlusten bis zu dem Zeitpunkt. Wieder wird ihm der Halt genommen. Doch erneut verwandelt er den Verlust und die Haltlosigkeit in Antrieb und damit wird für mich eindeutig, dass der junge Bach bereits sehr tief religiös war und seinen eigentlichen Halt in Gott fand, als unvergänglicher Instanz, die ihn nicht im Stich lässt, die ihn nicht verlässt. Er wendet sich intensiver den Tasteninstrumenten zu. An der Stelle seiner Stimme werden Orgel und Cembalo zu seiner Sprache.

In Lüneburg entdeckt Bach auch neue musikalische Horizonte. Er hört den Organisten Georg Böhm, dessen Werke ihn prägen.[6] Böhm verbindet klare Choralmelodien mit kunstvollen Variationen. Bach erkennt, dass man die schlichte Gemeindemelodie in einen größeren Klangraum stellen kann.

Mit achtzehn Jahren erhält Bach seine erste Anstellung in Arnstadt. Er ist jung, voller Energie, verantwortlich für eine neue Orgel. Doch er spürt, dass er noch lernen muss. Mit zwanzig Jahren nimmt er Urlaub und reist zu Fuß nach Lübeck, etwa 400 Kilometer.[7] Sein Ziel ist der berühmte Organist Dieterich Buxtehude. Diese Reise ist ein Wagnis. Er bleibt länger als erlaubt, riskiert Kritik. Aber er folgt einem inneren Drang.

In Lübeck hört er die Abendmusiken, große geistliche Konzerte, die Musik und Predigt verbinden. Buxtehude improvisiert, verbindet Choräle mit freier Fantasie. Bach erlebt eine neue Dimension. Musik kann monumental sein und zugleich zutiefst religiös. Diese Erfahrung bestätigt, was er innerlich bereits ahnte: Musik ist definitiv ein Weg, Gott zu dienen.

Als er zurückkehrt, ist er verändert. Seine Spielweise wird komplexer, freier. Nicht alle verstehen ihn. Es kommt zu Spannungen, sogar zu der bekannten Auseinandersetzung mit dem Fagottisten Johann Heinrich Geyersbach. Der junge Bach verteidigt seine musikalischen Ansprüche leidenschaftlich. Diese Episode zeigt seine Entwicklung: Der stille Schüler ist ein junger Mann geworden, der für seine Überzeugungen einsteht. Auch die Verlängerung seines Aufenthaltes bei Buxtehude und die Tatsache, dass er damit seine Stelle riskiert, was oft erwähnt wird in der Bachforschung, wird als Nachweis für seine Bereitschaft gesehen für seine Überzeugungen einzustehen.

Nach meiner Ansicht vollzieht sich bei Bach zwischen zehn und dreiundzwanzig Jahren eine innere Reise. Verlust führt zur Suche nach Ordnung. Ordnung führt zur Arbeit. Arbeit führt zur Erkenntnis, dass Musik mehr ist als Klang. Jeder Rückschlag – der Tod der Eltern, das verbotene Notenbuch, der Stimmbruch, Kritik in Arnstadt – wird zum Antrieb. Bach hat schon in dieser Zeit eindeutig Halt in Gott gefunden und gelernt deshalb Halt nicht in äußeren Umständen zu suchen, sondern sucht lediglich einen zuverlässigen Weg zu dienen durch die Musik. Er sieht in der Struktur eines Chorals, in der Disziplin des Übens, in der Gewissheit, dass Musik eine höhere Aufgabe hat seine Weg wegen frühkindlicher Prägung im Elternhaus und so verbinden sich wohl in der Tiefe seiner Seele seine starke Verbindung zu Gott und seine musikalische Erziehung zu einer Art Vision seines Lebens.

So wächst in diesen Jahren ein Mensch heran, der seine Identität findet: nicht als Genie, sondern als Diener. Ein junger Mann, der begreift, dass Arbeit ihn trägt, dass Musik ihn ordnet und dass er durch diese Ordnung Gott dienen kann. Er fühlt die Größe seines Auftrags und sucht deshalb die Besten, um zu lernen, um sich zu entwickeln, um in der Lage sein zu können seinen Auftrag zu erfüllen. Seine spätere Größe beginnt exakt deshalb nicht im Ruhm, sondern in dieser stillen inneren Bewegung – in der Entdeckung, dass Sinn dort entsteht, wo Pflicht, Glaube und Musik einander tragen.

So beginnt seine dritte Phase des Lebens, die ich in meinem nächsten, dritten Text zu Bach, angehen werde.


Quellen
[1] Martin Geck, Johann Sebastian Bach. Leben und Werk, Reinbek 2000, 29–31.
[2] Christoph Wolff, Johann Sebastian Bach: The Learned Musician, New York 2000, 33–35.
[3] Hans-Joachim Schulze, Die Bach-Familie, Leipzig 1984, 19–23.
[4] Peter Williams, J. S. Bach: A Life in Music, Cambridge 2007, 18–21.
[5] Michael Maul, Johann Sebastian Bach. Komponist im Dienst der lutherischen Kirche, Kassel 2015, 36–39.
[6] John Eliot Gardiner, Bach: Music in the Castle of Heaven, London 2013, 58–60.
[7] Christoph Wolff, Johann Sebastian Bach, 68–72.

Das Huhn

Diesen Text schreibe ich demnächst auch auf Deutsch, für jetzt existiert nur die Version in serbischer Sprache.

Johann Sebastian Bach #1 - wie alles begann

Dies ist der erste von meinen insgesamt vier Texten zu Johann Sebastian Bach. In jedem geht es um eine Phase seines Lebens, in diesem ersten Text geht es um seine Kindheit und frühe Jugend. Ich setze dieses philosophische Projekt um, während ich am wunderbar oorganisierten Bachfest der Internationalen Bachakademie Stuttgart teilnehme.


Über Johann Sebastian Bach zu sprechen heißt oft, über Größe zu sprechen – über ein Werk, das größer geworden ist als sein Urheber. Doch jede Größe hat eine Herkunft. Und im Falle Bachs liegt diese Herkunft nicht im Mythos des Genies, sondern in der stilleren, strengeren Welt einer musikalischen Ordnung, die ihn von Kindheit an umgab und formte.

Johann Sebastian Bach wurde am 21. März 1685 in Eisenach geboren – als jüngstes von acht Kindern des Stadt- und Hofmusikus Johann Ambrosius Bach und seiner Frau Maria Elisabeth, geb. Lämmerhirt.[1] Er wurde nicht in eine Welt der Kunst geboren, sondern in eine Welt des Könnens, des Handwerks. Die Familie Bach war über Generationen hinweg eine Musikerfamilie, deren Mitglieder als Stadtpfeifer, Organisten und Kantoren tätig waren. Musik war hier kein Ausdruck individueller Innerlichkeit im modernen Sinne, sondern ein Beruf, ein Dienst, ein Handwerk – gebunden an Kirche, Stadt und Hof.[2]

Diese Differenz ist entscheidend. Bach entstammt keiner romantischen Künstlerbiographie, sondern einer Zunftstruktur. Der Musiker war Teil einer sozialen Ordnung; seine Aufgabe war es, zu funktionieren, zu tragen. Gerade deshalb war das Haus Bach kein Ort kontemplativer Abgeschiedenheit, sondern ein Arbeitsraum. Lehrlinge lebten im Haushalt, Instrumente waren Werkzeuge, Proben Teil des Alltags.[3] Musik war nicht das Außergewöhnliche – sie war das Normale.

Als jüngstes Kind trat Johann Sebastian in eine bereits geformte Welt ein. Seine älteren Geschwister – Johann Christoph, Johann Balthasar, Johann Jonas, Maria Salome, Johanna Juditha und Johann Jacob – bildeten nicht nur eine Familie, sondern ein Gefüge von Stimmen, Rollen und Vorbildern.[4] In einem solchen Haushalt wird man nicht Musiker, indem man sich dafür entscheidet. Man wächst hinein.

Doch diese Ordnung war früh von Brüchen durchzogen. Noch im Jahr seiner Geburt starb sein Bruder Johann Jonas (1685); ein Jahr später folgte der Tod seiner Schwester Johanna Juditha (1686).[5] 1691, im Alter von sechs Jahren, verlor Bach seinen Bruder Johann Balthasar.[6] Diese Verluste sind nicht bloß biographische Randnotizen. Sie markieren eine Kindheit, in der Vergänglichkeit nicht abstrakt, sondern konkret erfahrbar war. Die Familie bestand nicht nur aus den Lebenden, sondern auch aus den Abwesenden, deren Namen blieben. Man sollte diese Erfahrungen nicht psychologisieren, wenn man an den jungen Johann Sebastian denkt, aber ins Bewusstsein rücken, dass er in einer anderen Zeit und Gesellschaft aufwuchs, in der Familie und Arbeit oft ein und dasselbe waren, neue Generationen von Könnern von früh auf regelrecht gezüchtet wurden und in welcher der Tod von Kindern zum Familienleben dazu gehörte. Jeder Tod eines nahen Familienmitglieds hinterließ natürlich Narben und Johann Sebastian als Kind erlebte nicht wenige von diesen.

Der tiefste Einschnitt erfolgte 1694 mit dem Tod der Mutter.[7] Maria Elisabeth Bach war nicht nur Bezugsperson, sondern das ordnende Zentrum eines komplexen Haushalts. Ihr Tod bedeutete mehr als Trauer – er bedeutete den Verlust der inneren Stabilität. Der Vater heiratete noch im selben Jahr erneut, was weniger als emotionale Entscheidung denn als soziale Notwendigkeit zu verstehen ist. Ein Haushalt dieser Größe konnte in der Zeit anders nicht funktionieren. [8]

Doch auch diese neue Ordnung hielt nicht lange. Am 20. Februar 1695 starb auch sein Vater, Johann Ambrosius Bach.[9] Johann Sebastian war zu diesem Zeitpunkt noch keine zehn Jahre alt – Vollwaise in einem Alter, in dem andere Kinder erst beginnen, die Welt zu begreifen.

Hier zeigt sich jedoch eine zweite, ebenso prägende Struktur: die Kontinuität der Familie. Bach wurde zusammen mit seinem Bruder Johann Jacob nach Ohrdruf aufgenommen, in das Haus seines älteren Bruders Johann Christoph, der dort als Organist wirkte.[10] Dieser übernahm nicht nur die Vormundschaft, sondern auch die musikalische Ausbildung.

Damit setzte sich etwas fort, das für die Familie Bach konstitutiv war: die Weitergabe von Musik als innerfamiliäre Pflicht. Das Kind verlor seine Eltern, aber nicht seine Ordnung. Es trat in eine neue Form derselben ein.

Vielleicht liegt genau hier der Schlüssel zum Verständnis dieser frühen Jahre. Bachs Kindheit in Eisenach war keine idyllische Klanglandschaft, sondern eine Verbindung aus Struktur und Verlust, aus Handwerk und Endlichkeit. Er lernte früh, dass Musik nicht aus der Freiheit entsteht, sondern aus Bindung; nicht aus der Laune, sondern aus der Form.

Und ebenso lernte er, dass diese Form nicht vor dem Verlust schützt.

In dieser Spannung – zwischen Ordnung und Vergänglichkeit – beginnt etwas, das später in seiner Musik zur Vollendung kommt. Seine Werke wirken nicht wie spontane Äußerungen eines Inneren, sondern wie gebaute Räume. Räume, die tragen. Räume, die halten und Ordnung möglich machen im Angesicht der Vergänglichkeit. Vielleicht, weil ihr Urheber früh erfahren hat, dass das Leben selbst es nicht immer tut.

Wenn man also den jungen Johann Sebastian Bach in Eisenach betrachtet, dann sollte man ihn nicht als frühvollendetes Genie aus dem Nichts betrachten. Man sollte ihn sehen als das jüngste Kind eines Hauses, in dem Musik so selbstverständlich war wie Arbeit, Gebet und Pflicht; als Kind einer Familie, die Generationen von Musikern hervorbrachte, nicht weil sie den Ausnahmezustand des Genies suchte, sondern weil sie das musikalische Handwerk in den Alltag, in die Erziehung und in die Verwandtschaft eingeschrieben hatte; und als Kind, das früh mit Geschwistertod, Muttertod, Vatertod und erzwungener Übersiedlung in das Haus des älteren Bruders leben musste. Gerade darin liegt etwas Grundsätzliches über Bach: Seine Größe wuchs nicht gegen die Form, sondern aus ihr.

Vielleicht ist das eine der wichtigsten Lektionen seiner Eisenacher Kindheit: Dass das Höchste in der Musik nicht selten dort entsteht, wo Liebe, Ordnung, Verlust und Arbeit einander nicht ausschließen, sondern einander tragen?


Fußnoten

[1]: Christoph Wolff, Johann Sebastian Bach: The Learned Musician (New York: W. W. Norton, 2000), 17–20.

[2]: Hans-Joachim Schulze, Die Bach-Familie (Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt, 1984), 9–25.

[3]: Philipp Spitta, Johann Sebastian Bach, Bd. 1 (Leipzig: Breitkopf & Härtel, 1873), 35–40.

[4]: Martin Geck, Johann Sebastian Bach. Leben und Werk (Reinbek: Rowohlt, 2000), 21–23.

[5]: Klaus Eidam, Das wahre Leben des Johann Sebastian Bach (München: Piper, 1999), 34.

[6]: Peter Williams, J. S. Bach: A Life in Music (Cambridge: Cambridge University Press, 2007), 12.

[7]: John Eliot Gardiner, Bach: Music in the Castle of Heaven (London: Allen Lane, 2013), 45–47.

[8]: Christoph Wolff, Johann Sebastian Bach, 24.

[9]: Martin Geck, Johann Sebastian Bach, 28.

[10]: Michael Maul, Johann Sebastian Bach. Komponist im Dienst der lutherischen Kirche (Kassel: Bärenreiter, 2015), 30–33.


Von der Harmonie der Saiten und der Dissonanz der Seelen: Ein Versuch über den inneren Frieden

Ich sitze an meinem Schreibtisch, noch erfüllt von den Klängen des heutigen Abends in der Stuttgarter Matthäuskirche. Es war mein zweiter Konzertbesuch im Rahmen dieses zweiten Internationalen Bachfests, das nun, nach seiner glanzvollen Premiere im letzten Jahr, bereits zu einem unverzichtbaren Ankerpunkt unserer Stadt geworden ist.

Man muss sich die Hingabe vor Augen führen, mit der die Musikerinnen und Musiker sowie das gesamte Organisationsteam der Internationalen Bachakademie hier am Werk sind. Ob in der Heimat Stuttgart oder auf den Reisen der Gaechinger Kantorei in die fernen Winkel der Welt: Was hier unter Aufbringung höchster Disziplin und harter Arbeit geleistet wird, ist nichts Geringeres als das Angebot einer der wertvollsten seelischen Bereicherungen, die es auf unserem Planeten überhaupt gibt. Es ist die Konstruktion von Ordnung aus dem Chaos, von Schönheit aus der Stille.

Doch während wir in der Geborgenheit dieser Qualität schwelgten, hallten in meinem Kopf die Worte von Kiya Tabassian nach, mit dem ich mich gerne nach dem Konzert ausgetauscht habe. Er sagte zu Beginn: „Persien ist eine sehr alte Zivilisation und braucht Freiheit.“ Ein Satz, der wie ein Mahnmal über dem Programm „Von Sachsen bis Persien“ schwebte. Denn während wir die Brücke zwischen Bach und dem persischen Mystiker Omar Khayyam feierten, brennt die Welt jenseits unserer Kirchenmauern.

Was sind wir für Wesen, wir Menschen? Wir sind fähig, mit unendlicher Mühe Kathedralen des Klangs zu errichten, während wir gleichzeitig mit technischer Kühle die physischen Fundamente unseres Lebens vernichten.

Betrachten wir die nackten, grausamen Zahlen in diesem März 2026: Im Iran zählen wir bereits über 1.444 Tote – manche Quellen sprechen gar von über 3.000, darunter fast 1.300 Zivilisten. Ein einziger Schlag in Minab löschte 165 Leben in einer Schule aus... Auf der israelischen Seite stehen bisher 19 Todesopfer. Jedes einzelne verlorene Leben ist ein verlorenes Leben zu viel, und doch zwingt sich hier die Frage nach der Diskrepanz auf? Die Politikwissenschaft erklärt es uns nüchtern: Es ist die Überlegenheit der Technik. Hier der „Iron Dome“ durch die vielschichtige, zuverlässige Verteidigungsorganisation, dort in vielem Chaos und Schutzlosigkeit.

Wir haben gelernt, uns fast perfekt zu verteidigen und uns gegenseitig fast perfekt zu töten – aber haben wir gelernt, nach all der Philosophie, den Religionen, dem Sport usw. usf., haben wir gelernt uns selbst zu beherrschen?

Montaigne schrieb einst: „Auf dem höchsten Thron der Welt sitzen wir doch nur auf unserem eigenen Hintern.“ Wir tragen auch unsere inneren Unruhen weiter in uns und natürlich auch nach außen. Ist nicht auch der Krieg zwischen Israel und dem Iran eine weitere großflächige Projektion jener Kämpfe, die wir in uns selbst führen – der Widerstreit zwischen der Angst und dem Vertrauen, zwischen dem zerstörerischen Trieb und dem schöpferischen Willen?

Die wahre Tragödie liegt darin, dass die Probleme meist nicht zwischen uns Menschen existieren, sondern in uns. Wenn die Zerstörungslust ein Teil unseres Wesens ist, wie können wir sie bändigen? Das Konzert heute Abend war eine Antwort: Es war eine Übung in Resonanz. Es bewies, dass die „Freiheit“, die Tabassian für Persien forderte, nicht nur die Freiheit von äußeren Ketten ist, sondern die Freiheit zur geistigen Begegnung.

Doch am Ende frage ich mich: Was weiß ich wirklich? Vielleicht ist unsere menschliche Kultur nur ein dünner Firnis über einem Abgrund. Aber solange manche Menschen bereit sind, so hart für die Schönheit zu arbeiten, wie es die Bachakademie tut, besteht die Hoffnung, dass wir irgendwann kollektiv lernen, die Saiten in uns so zu stimmen, dass sie nicht mehr zum Kriegsbogen gespannt werden.

Einreichung für den BW Kongress

Titel
Vom Sparen zum Investieren – und vom Investieren zum Sparen: Ressourceneffizienz in der Kreislaufwirtschaft schöpferisch denken

Kurzbeschreibung
„Nein“, antwortete Zarathustra, „ich gebe kein Almosen. Dazu bin ich nicht arm genug.“
Nietzsche verweist damit auf eine entscheidende Unterscheidung: Handeln aus Mangel ist etwas anderes als Handeln aus Fülle. Diese Unterscheidung ist für Ressourceneffizienz zentral – denn wir scheitern selten an fehlendem Wissen, sondern an fehlender Haltung.

Kreislaufwirtschaft wird häufig als technisches System beschrieben. Doch ob sie gelingt, entscheidet sich im Menschen: in der Art, wie wir Verantwortung verstehen, wie wir führen, wie wir Grenzen setzen, wie wir in Familien und Organisationen über „mehr“ und „genug“ sprechen.

Genau hier setzt mein Vortrag an und schlägt eine dialektische Perspektive vor, die in Baden-Württemberg tief anschlussfähig ist: Schöpfen und Sparen gehören zusammen. Nicht Sparen statt Investieren, sondern Investieren so, dass Sparen möglich wird – und Sparen so, dass weiteres Gestalten möglich bleibt.

Ressourceneffizienz ist damit nicht Verzicht, sondern kluge Kapitalallokation: Wir investieren in langlebiges Design, Reparierbarkeit, Kreislauffähigkeit, Datenkompetenz, Resilienz – und erhalten dadurch materiellen Wert, Zeit, Energie und Handlungsspielräume.

Es gibt viele wichtige Ressourcen in der Kreislaufwirtschaft, aber keine ist so wichtig wie wir Menschen. Es ist merkwürdig sich Gedanken über sich selbst zu machen in Form von einer Ressource, aber ob wir es wollen oder nicht, wir alle sind Ressourcen. Und ich meine und alle, Arbeitgeber und Arbeitnehmer, Politiker und Wähler, Eigentümer und Mieter, Verkäufer und Kunden, Eltern und Kinder - wir alle sind füreinander Ressourcen. Unsere Urteilskraft, unsere Fähigkeit zum Maß, unsere Lern- und Kooperationsfähigkeit und natürlich unsere Identitäten spielen alle eine Rolle, sind alle wichtig, aber wie genau gehen wir miteinander um? Sind wir effizient, wenn wir uns gegenseitig als Ressourcen nutzen? Sparen wir unsere Nerven und die Nerven anderer, wenn wir uns gegenseitig nutzen und wie steht es mit dem Investieren? Investieren wir genug ineinander?

Wenn man in seine Mitmenschen investiert (Führung, Bildung, Kultur, psychologische Sicherheit), reduziert man dann Reibungsverluste, Fehlerkosten und Überlastung – oder erreicht man dies nur, wenn man sich und seine Mitmenschen spart?

Oder kommt es für die Zukunft und den Erhalt unserer Wohlstandsgesellschaft vielleicht doch auf einen dritten Weg an? Auf eine Synthese des Sparens und Investierens in uns selbst und unsere Nächsten?

Und seien wir ehrlich, ist nicht diese, urchristliche Botschaft der Liebe, im Kern unser Erfolgsmodell im Ländle? Wo wären wir ohne alle die Tüftler, Erfinder und Schöpfer wo ohne all die zurückhaltenden, denkenden Sparer?

Auf zu einer Kreislaufwirtschaft die auf der Ressourceneffizientesten Haltung basiert, der Haltung einer investierenden Sparsamkeit - oder was wünschen Sie sich für sich selbst und Ihre Nächsten?


Die Breite oder die Tiefe? Die Antwort ist ja.

Wenn ich über die Methode nachdenke, die Welt durch ein Kaleidoskop von Stimmen zu betrachten – durch die serbischen Blätter Politika und Danas, die deutschen Spiegel und FAZ, die britischen Guardian und BBC, die amerikanischen CNN und Fox News, die russische Komsomolskaya Pravda, die chinesische People's Daily und die indische Times of India –, so erinnert mich das an Montaignes Wanderungen durch die Bücher der Alten. Seneca jedoch riet einst, wie auch viele Heilige der Orthodoxen Kirche, nicht in der Menge der Autoren zu schwelgen, sondern in der Tiefe einiger weniger. Was ist richtig? In die Breite zu gehen oder in die Tiefe?

Ich mache es so - in der Philosophie und in der Religion gehe ich in die Tiefe. In der Politik jedoch tue ich das Gegenteil: ich sammle nicht Tiefen, denn meistens gibt es sie auch nicht in der Politik, sondern Breiten.

Was ist Politik, wenn nicht ein ständiges Probieren, ein Tasten nach Wahrheit in den Schatten der Meinungen und dem Licht der Scheine? Wir lesen über die Politik nicht, um zu wissen, was ist, sondern um zu spüren, ob das was scheint auch wahr ist und wo etwas wesentliches verheimlicht wird – und in diesem Schauen der vielen Scheine und der Suche nach den Schatten enthüllt sich uns manchmal der Umriss des Wahren.

In der Stille meines Arbeitszimmers, rufe ich diese politischen Seiten auf, prüfe verschiedene Perspektiven in verschiedenen Staaten und die Welt entfaltet sich vor mir wie ein Garten mit vielen Blumen, von denen jedoch nur zwei wirklich zählen, zwei die wir alle kennen: Die Blumen, die süß nach Liebe und Freiheit duften und die anderen Blumen, die bitter nach Angst und Macht stinken. Früher war solch ein Zugang zu Informationen den wenigen vorbehalten – den Fürsten mit ihren Boten, den Gelehrten mit ihren Bibliotheken. Heute, durch die Magie der Maschinen, liegt er jedem offen, der nur die Hand ausstreckt. Und doch, wie seltsam ist es, dass so wenige danach greifen? Oder ist es das? Haben nicht genau die "Mächtigen" stets danach gesucht, die von ihnen beherrschten Menschen "ohnmächtiger" zu machen, vom "Greifen" fernzuhalten und abzugewöhnen? Schmiedeten sie nicht die Zäune und die Ketten um zu herrschen über ihre Mitmenschen wie über Schafe, um sie zu scheren, zu melken und regelmäßig auch zu schlachten? Haben zugleich nicht die Liebenden das Gegenteil versucht, ihre Mitmenschen zu befreien, Verantwortung zu lehren und mit ihnen zu teilen? Sind wir Menschen so tief gewöhnt an ein solches Leben zwischen Liebe und Macht, dass wir uns einst befreit von Ketten, freiwillig in neue schmieden, einst befreit von Mauern, wir uns freiwillig neue zulegen und umgekehrt, einst in Ketten gelegt, die abzulegen suchen und einst in Mauern gefangen, die zu durchbrechen? Das würde jedenfalls vieles erklären... Wie sich unsere Vorfahren gegenseitig geformt und verformt haben. Wenn wir uns selbst kennenlernen wollen, dann können und dürfen wir als Nachfahren diese lange Vergangenheit nicht ignorieren, es gibt zwar in jeder Generation einen gewissen Neustart, eine gewisse Tabula Rass, aber sowohl die genetische Festplatte als auch unsere Kulturen bleiben nahezu identisch und

Betrachten wir die Seele von uns Menschen, einer wankelmütigen Kreatur. Wir könnten von der Trägheit sprechen, jener acedia, die uns in der Bequemlichkeit wiegt. Der Geist sucht den Pfad des Geringsten Widerstands, wie Wasser bergab fließt. Widersprüchliche Berichte zu lesen – den Ukraine-Konflikt als Triumph in russischen Lettern, als Tragödie in westlichen und als zunehmend irrelevant und uninteressant überall sonst auf der Welt, wo man selbstverständlich mit eigenen Problemen viel mehr beschäftigt ist – erzeugt jene innere Unruhe, die die Alten dissonantia nannten, ein Zwiespalt, der schmerzt wie ein Splitter im Fleisch. Der Mensch, faul wie er ist, meidet diese Arbeit; er wählt die sanfte Lüge der Bestätigung, den Weg des geringsten Widerstandes, auf dem jede Nachricht sein eigenes Bild poliert. Und die modernen Apparate, diese Algorithmen, die wie unsichtbare Diener arbeiten, verstärken es: Sie füttern uns mit dem, was wir lieben, bis unsere Welt schrumpft zu einem Spiegelkabinett, in dem nur das Eigene widerhallt.

Doch ist es nur Trägheit? Nein, da mischt sich auch der Stolz, jener alte Feind der Weisheit. Wir klammern uns an unsere Narrative wie an Reliquien, denn sie formen unsere Identität: "Ich bin der Liberale, der Konservative, der Patriot." Eine fremde Sicht einzunehmen fühlt sich an wie Verrat – an sich selbst, an der Sippe. Ich merke, dass ich mich derzeit in Bezug auf die Politik in Russland, China und Indien auf die staatlichen Perspektiven reduziere, d.h. nicht wie in anderen Ländern die Stimmen der Position und der Opposition erforsche. Ich werde das erweitern, aber langsam und mit der Ruhe. Ab und zu lesen ich auf dem Balkan auch ein bisschen etwas aus anderen Ländern, es scheint mir die politische Wahrheit der Welt ist nichts anderes als ein Flickenteppich, den wir mit jedem essenziellen Titel stets weiter vervollständigen können.

Die Alten wussten das: Sokrates trank den Schierlingsbecher, weil er die Stadt herausforderte, ihre Blasen zu verlassen, zu durchstechen. Und heute? Die Medien selbst nähren leider diesen blasenartigen Tribalismus, indem sie den Anderen als Lügner brandmarken. Misstrauen blüht, wo Vertrauen und Auseinandersetzung welken sollten. Sprachen und staatliche Grenzen tun ihr Übriges; sehr viele Menschen, gefangen in ihrer Zunge, hören nur das Echo ihrer eigenen Kammer.

Aber wir wollen uns nun zu den Früchten wenden, die derjenige erntet, der durchhält – der, wie ich, die Vielfalt wagt. Ach, welch ein Gewinn! Nicht in Gold oder Ruhm, sondern in der Erweiterung der Seele. Indem man erkennt, dass Narrative keine Ketten sind, sondern Fäden in einem Gewebe, lernt man, sie zu weben, ohne eines zu zerreißen. Man muss nicht wählen zwischen verschiedenen, entgegengesetzten Blicken, nein, man trägt sie in sich, wie ein Reisender Karten aus verschiedenen Ländern. Diese Integration – ins Bewusste, ja ins Unbewusste – ist keine Last, sondern eine Befreiung. Unser Geist, elastisch wie Quecksilber, dehnt sich aus; kognitive Dissonanz wird zum Lehrer, nicht zum Peiniger. Ich denke an Epiktet, den Sklaven-Philosophen: "Nicht die Dinge quälen uns, sondern unsere Meinungen darüber." Indem du viele Meinungen sammelst, mildern wir die Qualen jeder einzelnen.

Was gewinnt man also? Zuerst eine tiefere Empathie: Man versteht den Anderen nicht als Feind, sondern als Spiegel eines anderen Lichts. Dann eine schärfere Urteilskraft: Wahrheit entsteht nicht aus Monolog, sondern aus Dialog der Geister. Und schließlich Freiheit – die wahre, innere Freiheit, die keine Blase duldet und die verängstigten und auch bösen Menschen, die Blasen schmieden und festigen, ziemlich sofort enttarnt. Ich habe mich geprüft, ich habe gezweifelt und ich habe mich gewandelt in Beziehung zu mir selbst; so tue ich es auch mit der Weltpolitik. Es ist der Weg der Skeptiker, der Stoiker: Akzeptiere die Vielheit, integriere sie, und erst dann wirst du ganz.

Zum Schluss: In dieser gespaltenen Epoche der politischen Welt, die wie ein zerbrochener Spiegel erscheint, ist der Pfad der Vielfalt der einzig gesunde. Er heilt die Seele von der Engstirnigkeit, stärkt sie gegen Täuschung und entlarvt überall die verängstigten und die Bösen und von denen gibt es, leider, sehr viele, überall. Die Alten lehrten: Nosce te ipsum – erkenne dich selbst. Aber in unserer Zeit ergänze ich: Erkenne die Welt in ihrer Vielfalt, und du erkennst dich wahrlich. So möge dieser Essay dich inspirieren; nimm ihn, überarbeite ihn, mache ihn dein eigen.

Wann Deutschland am erfolgreichsten war.

Anstand und Wohlstand – Über das deutsche Erfolgsmodell

Deutschland war nie erfolgreicher als nach dem Zweiten Weltkrieg. Nicht wirtschaftlich, nicht politisch, nicht gesellschaftlich.

Diese Feststellung irritiert manche. Denn sie widerspricht der verbreiteten Erzählung, Deutschland sei stark gewesen, wenn es hart, aggressiv oder autoritär auftrat. Die Geschichte zeigt das Gegenteil.

Das eigentliche deutsche Erfolgsmodell entstand nach 1945. Es beruhte nicht auf Überheblichkeit, sondern auf Selbstbegrenzung. Nicht auf Ausgrenzung, sondern auf Ordnung. Sein Kern bestand aus einer seltenen, aber kraftvollen Verbindung: Anstand und Wohlstand.

Anstand meint dabei keine moralische Überlegenheit und keine perfekte Tugend. Er meint etwas Bodenständigeres und Anspruchsvolleres: die bewusste Entscheidung, Macht zu begrenzen, Verantwortung zu übernehmen und Menschen als Menschen ernst zu nehmen. Anstand zeigte sich im Ton, im Maß, im Respekt vor dem Anderen – und vor den Regeln, die für alle galten.

Ein entscheidender Punkt dieses Modells war: Menschen wurden als Menschen genommen. Herkunft, Religion, soziale Wurzeln oder persönliche Geschichte entschieden nicht über den Wert eines Menschen. Entscheidend war der Beitrag, den jemand leisten konnte und wollte.

Deutschland verstand sich als Leistungsgesellschaft im besten Sinne des Wortes. Jeder sollte seinen Beitrag zum Ganzen leisten. Arbeit, Verantwortung und Verlässlichkeit waren keine leeren Begriffe, sondern gelebte Erwartungen. Leistung schuf Würde, Zugehörigkeit und Anerkennung.

Gleichzeitig galt ein ebenso klarer Grundsatz: Wer nicht leisten konnte, wurde nicht zurückgelassen.

Das soziale Netz war kein Widerspruch zur Leistungsgesellschaft, sondern ihre Voraussetzung. Es diente nicht dazu, Verantwortung aufzulösen, sondern Teilhabe zu sichern. Es sollte Menschen auffangen, stabilisieren und ihnen ermöglichen, wieder mitzuwirken, sobald sie dazu in der Lage waren.

Dieser Zusammenhang ist entscheidend: Anstand bedeutete nicht Anspruchslosigkeit, sondern Fairness. Wohlstand entstand nicht durch Beliebigkeit, sondern durch klare Erwartungen, eingebettet in Solidarität.

Dieses Modell speiste sich aus christlicher Anthropologie – der Einsicht in die Fehlbarkeit und Würde des Menschen – und aus demokratischen Prinzipien wie Rechtsstaatlichkeit, Gewaltenteilung und Kompromissfähigkeit. Gerade weil man dem Menschen nicht blind vertraute, schuf man Regeln, die Macht banden und Chancen eröffneten.

Aus dieser Haltung erwuchs Wohlstand. Nicht trotz Anstand, sondern durch ihn. Vertrauen in Institutionen, Verlässlichkeit des Rechts, soziale Stabilität und wirtschaftliche Leistungsfähigkeit verstärkten sich gegenseitig.

Heute wird oft suggeriert, Anstand sei Schwäche. Moral sei Luxus. Zurückhaltung naiv. Doch diese Sicht verkennt die eigene Geschichte. Deutschland wurde nicht erfolgreich, als es alle Grenzen sprengte, sondern als es lernte, mit Grenzen verantwortungsvoll umzugehen.

Das heißt nicht, dass die Nachkriegszeit ideal war. Aber sie war geprägt von einer seltenen Einsicht: Stärke ohne Maß zerstört – Stärke mit Maß trägt. Anstand war kein moralischer Zierrat, sondern eine produktive Kraft.

Gerade in Zeiten von Verunsicherung, Polarisierung und wachsendem Extremismus lohnt es sich, daran zu erinnern. Nicht um nostalgisch zurückzublicken, sondern um Orientierung zu gewinnen. Wer Anstand gegen Wohlstand ausspielt, zerstört beides. Wer Leistung gegen Solidarität ausspielt, ebenso.

Deutschland braucht keine neue Härte. Es braucht den Mut, anständig leistungsfähig zu bleiben.

Warum ich die Nobelpreisträger lese?

Die Literatur der Vergangenheit als Chronik des gesellschaftlichen Geistes.

Es gibt Projekte, die aus einer Laune oder durch Zufall entstehen, und solche, die tiefen Notwendigkeiten folgen. Die eigene Bibliothek des Geistes zu ordnen, und ich sage zu ordnen, denn jeder Mensch legt während seines Lebens durch die Aufnahme von Informationen, durch Lebenserfahrungen und durch das Durchleben von Emotionen eine solche geistige Bibliothek an, ist eine der wichtigsten Aufgaben im Leben des glücklichen Menschen.

So wie der Körper Nahrung benötigt, so benötigt auch die Seele bzw. unser Geist Nahrung und so wie der Körper fettleibig, krank und unbeweglich werden kann durch zu viel an schlechter und ungesunder Ernährung, so kann und geschieht dies auch mit schlechter und ungesunder Seelennahrung. So wie der Körper angelegte Fettreserven verbrauchen kann, wenn Zeiten mit wenig Nahrung auf einen zukommen, so kann der Geist in einem noch größeren Umfang gespeichertes Wissen, Erfahrungen und Gefühle immer und immer wieder verzehren und sich an ihnen erfreuen Der wesentliche Unterschied jedoch besteht nicht in der Speicherfähigkeit, sondern darin, dass unsere Seelen viel hungriger als unsere Körper sind.

Es wundert daher nicht, dass wir als Menschen Gesellschaften aufgebaut haben und in diesen regelmäßigen geistigen Austausch über Worte, Musik, Theater, mit der Zeit Schrift und in unserer heutigen Zeit schon auch Videos, Filme und vieles mehr. Auf die Fülle des Angebots kommt es jedoch nicht an, weder bei guter Nahrung für den Körper und noch weniger bei guter seelischer Nahrung. Es kommt viel mehr auf die Verfeinerung unserer Genüsse und zugleich unsere eigene Mäßigung und Beruhigung an.

Bekannt ist die Idee der "taste palate" bzw. zu Deutsch "Geschmackspalette" oder einfacher gesagt der Gaumenfreunde. Wir können diese trainieren bzw. durch die langsamere und bewusste Aufnahme von Nahrung einen ausgeprägten Tastsinn entwickeln und viele von uns haben das auch schon getan und darin große Freuden gefunden. Es kommt dabei auch nicht einfach um Besuche von Sternerestaurants, wobei ich mir diese besonders gerne gönne, sondern es geht viel mehr um die Entwicklung der Fähigkeit jedes bisschen Nahrung, was wir zu uns nehmen bewusst im Geiste zu verstehen und mit Geduld zu genießen. Mit unserem Geist wird dieses Spiel noch interessanter, denn es kommt dabei auf unsere Beziehungen mit unseren Mitmenschen, unseren Vorfahren sowie unseren Kulturen, Gesellschaften und Religionen an. All das stellt Seelennahrung für uns dar und umgekehrt - wir selbst bzw. unsere eigenen Seelen sind genauso Seelennahrung für unsere Mitmenschen, unsere Nachfahren, Kulturen, Gesellschaften und Religionen.

Was ich mir tagtäglich versuche zu gönnen und zu genießen und was ich selbst versuche zu geben ist das schönste und wertvollste, was eine menschliche Seele produzieren kann - die Liebe. Und in der Ordnung meiner geistigen Bibliothek beschloss ich, dank einem Zufall bzw. einer Fügung, durch welche die vollständige Büchersammlung des Kreises der Nobelpreisfreunde in meinen Eigentum kam, jedes mit dem Nobelpreis für Literatur gekürte Werk der Autoren zu lesen. Das Nobel-Komitee versuchte anfangs das Lebenswerk von Schriftstellern zu ehren, aber sie wählten dennoch ein einzelnes Buch aus dem Opus der Schriftsteller aus und dieses wurde vom Kreis der Nobelpreisfreunde in einer schönen Auflage gedruckt. Diese Bücher, die seit 1901 erscheinen, dem Jahr in dem der erste Nobelpreis für Literatur veröffentlicht wurde, bilden eine Brücke aus Papier und Tinte, die uns alle durch die letzten 125 Jahre führen und eine wertvolle und nahrhafte Chronik des gesellschaftlichen Geistes darstellen.

Was mich an dieser speziellen Edition fasziniert, ist nicht allein das literarische Werk. Es ist das „Davor“ und das „Danach“, denn jeder Band beginnt mit einem Rückblick auf die oft schwierige und manchmal auch Thrillern-ähnelnde Entscheidungsfindung des Komitees und dem Echo, das diese in der damaligen Öffentlichkeit auslöste. Es folgt die Verleihungsrede – jener Moment, in dem die Welt versucht, das Unfassbare, die Kunst, in feierliche Worte zu fassen. Schließlich gibt ein Essay über das Leben und Werk des Autors den biografischen Resonanzboden für das Werk selbst.

Ich lese diese Bücher nicht als bloßer Konsument, sie sind nicht einfach eine weitere Art von Seelennahrung, sondern sie bilden etwas sehr feines, dass es uns ermöglicht unsere eigenen geistigen Bibliotheken zu ordnen und zugleich unseren seelischen Geschmackssinn zu veredeln.

Mein Weg durch die Sammlung begann – wie erwähnt – mit 1901: Sully Prudhomme. Er war ein Kollege, Philosoph und Dichter. Seine Tagebücher und Gedichte, die in der ersten Auflage in 1901 erschienen sind, sind das Vermächtnis eines Suchenden. Das Komitee ehrte ihn für seinen „edlen Idealismus“, doch wenn ich ihn heute lese, sehe ich einen Mann, der ahnt, dass die reine Vernunft allein die Abgründe der Seele nicht ausleuchten kann. Er war auf der Suche nach der Antwort auf die große Frage unseres Daseins, der Frage danach: was ist der Mensch? Bis zum Ende seines Lebens gab er die Suche nicht auf und es ist ein vortreffliches Erlebnis sich ihm bei dieser zu gesellen, insbesondere durch das Lesen seiner Tagebücher in denen er ehrlicher und direkter war als in manchen seiner anderen Werke und die er herausgab, als er in der Gesellschaft genug ankam und das Gefühl hatte sein Werk für die Gesellschaft mit ihnen abrunden zu können bzw. seine Kreise zu schließen.

Schon im nächsten Jahr folgte ein radikaler Bruch: 1902: Theodor Mommsen, ein Chronist der Macht. In seiner Römischen Geschichte begegnet man der Monumentalität des antiken Roms. Die Verleihungsrede feiert ihn als „größten lebenden Meister der historischen Darstellung“, doch ich fragte mich mit Dostojewski im Sinne: Ist die Geschichte wirklich nur der Triumph der Starken über die Schwachen? Sein Buch langweilte mich ab einem Moment, denn seine Begeisterung für die Macht, für die Schlachten, für den Krieg fand ich so primitiv, dass ich beschloss, nach dem ich ca. die Hälfte oder zwei Drittel des Buches gelesen habe, das Buch wieder in den Regal zurückzustellen. Wir wissen ja wie Preußen sein Ende fand und wir wissen schon länger, dass wer mit dem Schwert wedelt vom Schwert auch erschlagen wird. Eine Liebe zur Macht und zur Gewalt zu entwickeln und zu leben, das war für eine längere Zeit auf unserem Planeten fast nötig gewesen um zu überleben und es ist auch heute gut sich diese im Geiste zu vergegenwärtigen um zu erkennen, dass wir Menschen keine Schmetterlinge sind, aber unser Leben der Macht und Gewalt zu widmen bedeutet es nichts anderes als unser Leben zu verfehlen und im niederen, dunklen Abyssen unserer Seele wie Säue, die sich im Schlamm wälzen, zu verbringen.

1903 war dann mit Bjørnstjerne Bjørnson ein ehrhafter und tiefgründiger Ausgleich. Der Norweger brachte die Frische der Fjorde kombiniert mit tiefen Gegensätzen zwischen christlicher Liebe und nordischer Härte in die Sammlung. Seine Erzählungen strotzen vor moralischem Ernst und so tiefgründigen Gefühlen der Wut und der Liebe, dass ich mich immer wieder stark mitgenommen fühlte und an manchen Stellen auch Tränen vergoss. In der Biografie erfuhr ich von seinem unermüdlichen Kampf für die nationale Identität Norwegens und die Ansiedlung der christlichen Liebe in dieselbe – er brachte wie kein anderer das Kreuz in die Hände der Vikinger und versuchte und schaffte es auch viele Mitglieder einer ganzen Generation die Liebe zu lehren. Was für ein Mensch und Schriftsteller, ich war erstaunt.

1904: Frédéric Mistral & José Echegaray. Ein geteilter Preis, ein Novum. Mistral mit seinem Epos Mireille besingt die provenzalische Heimat in einer fast vergessenen Sprache und mit einer Tiefe, die der von Bjørnstjerne Bjørnson gleicht, während Echegaray in seinen Meisterdramen die spanische Leidenschaft auf die Bühne bringt. Zwei Extreme: Die Verwurzelung im Boden gegen das Feuer des Theaters, beide Bücher brachten mir in großem Umfang eine solche seelische Gaumenfreude, dass ich sie kaum aus den Händen lassen wollte. Echegaray brachte mit seinem unvergleichlichem Drama einen geistigen Kampf zwischen Miguel Servet als Gejagtem und Calvin und seinem Handlanger Walter als den Jägern dermaßen euphorisch und zugleich tiefgründig und dramatisch ins Leben und vertiefte sich dabei so meisterhaft in die Liebe, in den Hass und in die Bosheit, indem er den leiblichen Sohn des Jägers, der die Identität des Vaters nicht kennt und umgekehrt, zum geistigen Sohn des Gejagten machte, dass ich das Gefühl hatte mittendrin zu sein und die Schicksale seiner Helden zu teilen. Ein unvergängliches Werk, ebenso wie das Werk von Mistral, der mit Mireille nicht nur vom Paris-Zentralismus flüchtet und die Regionen stärken will sondern auch die Tiefen des weiblichen Herzens erforscht indem er das verliebte Mädchen, dessen Eltern den Jungen wegen dem Standesunterschied, Zukunftsperspektiven und Armut ablehnen, in ihrem Leid zwischen Herz und familiärer Pflicht zeigt und sie eine dramatische, fast mythische Pilgerreise zu einem Kloster unternehmen lässt um Antworten zu suchen.

In 1905 kam der erste mir bekannte große Meister, Henryk Sienkiewicz, der mit "Quo Vadis?" als ein Gigant der Literaturgeschichte die Nobel-Bühne betritt. Ich konnte es kaum erwarten sein Werk zu lesen, dass ich in der Jugend schon beschloss mir auszusparen für eine spätere Zeit und wie gut war diese Entscheidung. In der Einleitung wird seine „epische Kraft“ gewürdigt und sein Buch ist die ewige Konfrontation zwischen dem Geist (dem frühen Christentum) und der rohen Gewalt (Nero) – ein Thema, das sowohl Echegaray meisterhaft behandelte, als auch Dostojewski während seines gesamten Lebens bis ins Mark erschüttert hatte. Sienkiewicz zeigt uns, in dem er die großen Heiligen Apostel der christlichen Kirche aufleben und ihre Liebe mitten in Rom in einer solchen Tiefe ausleben lässt, dass das Wort auf ewig sehr viel mächtiger bleibt als das Schwert. Dieses Buch ist mit Abstand eines der besten, dass ich bisher gelesen habe und so gern hätte ich mit Sienkiewicz persönliche Zeit verbracht und philosophiert, diesem polnischen Edelmann, der vorzüglich die römische Geschichte und Kultur gekannt hat und eben auf Basis dieses Wissens seine Liebesgeschichte so meisterhaft platzieren und erzählen konnte.

1906: Giosuè Carducci. Dieser „Sänger der Nation“ aus Italien, mit dessen Oden ich die Bekanntschaft machte, stand für eine Auflehnung gegen die Dunkelheit und ein Loblied auf das Licht der Renaissance. In seinem Werk ist der Stolz eines Geistes zu spüren, der sich weigert, vor dem Unvermeidlichen zu knien und so sehr dachte ich während ich seine Zeilen las an die Tatsache, dass die Renaissance, genau wie der Kommunismus später, nie ein global gelebtes Phänomen wurde und nie alle Kulturen auf der Welt in gleicher Intensität traf. Der sog. globale Osten kennt keine Renaissance sowie der globale Westen den Kommunismus nicht kennt, außer in Theorie und als etwas was in der anderen Hemisphäre die Gesellschaften verändert hat. Wir brauchen solche Dichter wie Carducci wieder, aber Dichter für die Menschheit, Dichter die sich in tiefer Kenntnis unserer gespalten Welt ermutigen nicht nur zu einer Synthese aufzurufen sondern zu mehr, denn mehr ist nötig für die Entwicklungen.

1907: Rudyard Kipling. Ein weiterer Gigant, aber dieses Mal von einer gänzlich anderen Natur, ein verlorener Junge in der Welt, ein Suchender und ein Kämpfender zugleich, den ich über Mogli und das Dschungelbuch ein wenig schon aus der Kindheit kannte um während meiner Jugend bereits zu lernen, dass sich hinter ihm sehr viel mehr verbirgt. Dieser Weltreisende, war der erste Brite, der den Nobelpreis erhielt und verbrachte sein Leben in der hautnahen Erforschung vieler Kulturen, welche die Briten kolonialisierten und als ein in der Politik tatkräftig Mitwirkender Mensch und Denker, der jedoch bis an sein Lebensende viel mehr mit sich selbst und seinem eigenen Geist und ihren Tiefen beschäftigt blieb. Seine Dschungelbücher und nicht nur ein Dschungelbuch, bilden zum einen eine ganze Reihe unterschiedlicher für sich selbst stehender und fantastischer Geschichten sowie natürlich mit Mogli eine ganze Geschichtsreihe, die ich als die eigene geistige Entwicklung Kiplings betrachte. Wie Nietzsche, der es probierte in Zarathustra sein Herz in Erscheinung treten zu lassen und in seiner Biografie, im Ecce Homo, zugab selbst Zarathustra zu sein, so empfinde ich Mogli als Rudyard Kipling selbst und finde es sehr schade, dass in der breiten Öffentlichkeit diese lange und vielschichtige Geschichtsreihe über Mogli größtenteils auf eine einzelne und in vielen leider veränderte Geschichte reduziert wurde. Mogli wird z. B. sehr guter Freund mit der Schlange Ka, um nur einen der sehr vielen Details zu erwähnen. Kipling war ein Meister der Erzählung, der uns nicht nur zeigte, dass das „Gesetz der Dschungel“ überall herrscht, ob im Londoner Club oder im indischen Urwald, sondern auch, dass die Briten im Endeffekt ein Wolfsvolk waren und das bleiben.

Mein Fazit nach dem Lesen der Bücher aus den ersten sieben Jahren besteht darin, dass ich, wenn ich die Verleihungsreden dieser Jahre nebeneinanderlege, ein Muster erkenne: Das Komitee suchte nach dem „Ideal“, nach der moralischen Festigkeit in einer Welt, die bereits zu wanken begann. Von Prudhommes Innerlichkeit bis zu Kiplings imperialer Weite ist es eine Reise durch die Sehnsüchte des ausgehenden 19. Jahrhunderts und eine, in vielem ahnende, Vorbereitung auf die Schrecken des 20. Der menschliche Appetit nach Macht und Zerstörung, den wir zwar als primitiv empfinden können, und ich tue das vielleicht noch mehr als andere, hört nicht auf und darf nicht ignoriert werden. Ich erkannte mittlerweile, dass er in vielem mit seelischen Verletzungen und seelischen Erkrankungen zu tun hat und dass Menschen sich insbesondere deshalb um Macht bemühen, weil sie sich aus Machtpositionen heraus die Genesung erhoffen über die Möglichkeit eben viel Seelennahrung zu kosten und sich wieder in Ordnung zu bringen und ich hoffe in unserer heutigen Zeit werden die Fülle an Möglichkeiten, vom Fernsehen bis zur künstlichen Intelligenz großflächig diesen Hunger befriedigen können, ohne das es erneut zu großen Kriegen und Zerstörungen kommt. Ich hoffe das, aber ich glaube es immer weniger, denn wir Menschen sind nicht nur keine Schmetterlinge, wir scheinen wohl hungriger und zerstörerischer als die Dinosaurier und die Haie zusammen zu sein. Jesus Christus benannte, wie auch die Römer, unseren Durst nach Blut und Hunger nach Fleisch und während Jesus Christus sich selbst gab, sein Blut und Fleisch und dazu aufforderte dieses auf ewig, wenn es dunkel wird, wie einen Abendmahl einzunehmen, gestalteten die Römer die blutigen Spiele in den Arenas um diesen gleichen Durst und Hunger zu stillen. Zwei Methoden, zwei Antworten auf dieselbe Frage, die nicht so sehr "was ist der Mensch" lautet sondern "was ist im Menschen". Unsere heutige Zeit ist geprägt von Versuchen diese unsere Natur und diese unseren Bedürfnisse zu leugnen und das kann nicht gut ausgehen.

Ich bin dankbar viel über und von den Autoren der ersten 7 Jahre gelernt zu haben, aber noch mehr lernte ich über die Menschen, die sie auszeichneten. Nun warten die nächsten Bücher, angefangen mit Rudolf Eucken, einem weiteren Philosophen in der Nobel-Runde. Ich bin gespannt.

Der Funke einer Illusion

Es ist ein kurioser Makel unserer menschlichen Natur, dass wir unseren Augen als ehrlichen Boten vertrauen, obwohl sie in Wirklichkeit eher Geschichtenerzähler sind, die oft das, was wir sehen, nach unseren tiefsten Wünschen formen. Die alten Griechen wussten schon, dass unsere Augen uns häufig täuschen, Descartes hat dies in seinen Meditationen wieder aufgegriffen, und moderne Wissenschaftler sind sich der Unzuverlässigkeit unserer Augen – und vor allem unseres Gehirns, das interpretiert, was die Augen sehen – meist genauso bewusst wie der Tatsache, dass Wasser bei 0 °C gefriert. Und dennoch glaube ich, dass viele von uns die Macht, die Illusionen haben können, die unser Gehirn uns durch die Augen sehen lässt, stark unterschätzen und Zauberkünstlern und sonstigen Illusionisten überlassen. Illusionen können und tun dabei in unseren Seelen so mächtige Funken entzünden, dass aus diesen das Feuer unserer Schicksäle wird.

Nehmen wir meine Zeit auf den weiten Hochebenen Colorados: Ich sah einen unglaublich großen silbernen Mond – den die Wissenschaftler einen leblosen Felsbrocken nennen, der Hunderttausende Kilometer entfernt ist –, der so riesig und nah erschien, dass ich das Gefühl hatte, ich könnte ihn fast mit meinem Spazierstock berühren. In meiner Jugend wurde diese Ansicht zu einer Reflexion: Wenn der Mond hier im Westen der USA sich so anfühlt, als läge er nur jenseits des nächsten Hügels, dann ist es auch nachvollziehbar, warum die Menschen in Amerika den Wunsch erhielten ihn zu erreichen.

Wir alle werden von unserer Umgebung geprägt und in den engen, bewaldeten Tälern Europas ist der Mond eine bescheidene Erscheinung, ein einfacher „Punkt am Nachthimmel“, der erst hell leuchtet, wenn er hoch und einsam steht. So nahe am Horizont sehen wir ihn praktisch nie. Der Mond ist natürlich sehr weit von unserem Planeten entfernt, und es spielt keine Rolle, von welchem Kontinent oder Land aus wir ihn betrachten – die Entfernung ist praktisch immer gleich. Und doch hängt unsere Wahrnehmung davon ab, in welcher Umgebung wir ihn sehen. In der weiten amerikanischen Westlandschaft täuscht die Größe des Landes das Gehirn dazu, den Mond als etwas Großartiges und vielleicht sogar Nützliches zu sehen. Wenn der Mond dann hinter einem himmelhohen Berg aufgeht, lässt unser Geist ihn nicht ein fernes Pünktchen bleiben sondern transformiert ihn zu einem Ziel, das wir verfolgen können. Genau da hört die „Mond-Illusion“ auf, ein bloßes Gedankenspiel zu sein, und entfacht echten menschlichen Mut.

Milutin Milanković, mein Namensvetter in Bezug auf unsere Vornamen, war ein scharfsinniger Denker, der die langsamen Tänze der Erde kartierte – ihre Neigungen und Bahndehnungen, die unsere Jahreszeiten bestimmen – und der seine Tage damit verbrachte, Zahlen auf kosmischen Skalen zu knacken, die Jahrtausende umfassen, weit über ein einzelnes Menschenleben hinaus. Doch selbst ein Genie wie er würde zustimmen, dass für jemanden, der im Staub steht, das, was sich echt anfühlt, entscheidend ist. Wenn der Mond von der felsigen Wüste in Colorado aus erreichbar scheint, dann deshalb, weil die Welt um uns herum eine Bühne schafft, die groß genug ist, um unsere Neugier zu befeuern. Es fühlt sich real an – und wird schließlich real, indem wir es zur Realität werden lassen.

Kein Wunder, dass das Kino, dieser moderne Traumweber, diese Vergrößerung so liebt. Stellen Sie sich den Jungen aus E. T. und seinen Besucher aus den Sternen vor, silhouettiert vor einem Mond, der so gewaltig erscheint, dass er für Augen der Menschen aus Europa jeder Logik widerspricht. Spielberg, dessen Name aus den zwei deutschen Wörtern „Spiel" und „Berg“ besteht, fand in Kalifornien die perfekte Kulisse für seine Aufnahme und trickste unsere Augen ein wenig aus, indem er die Kamera sehr weit entfernt positionierte und heranzoomte, um den Mond noch etwas größer wirken zu lassen – obwohl ich betonen muss, dass der Mond in meiner Erinnerung und Erfahrung in Colorado noch größer war als in Spielbergs Film. Das ist nicht der kalte, vermessene Mond des Astronomen, sondern der, der an unseren Gefühlen zerrt – der freundliche Nachbar, den wir besuchen möchten.

Montaigne fragte oft „was weiß ich?“ –, wie ich es auch tue, wenn ich vor mich hin reflektiere. Unser Gehirn, diese klugen Maschinen die Geschichten erfinden, scheint sich oft mehr um Gefühle und um das Machbare zu kümmern als um das strenge und exakte. Wir haben Raketen zu jenem leuchtenden Felsbrocken geschickt, nicht weil wir die exakte Entfernung perfekt berechnet hatten, sondern weil er von der richtigen Stelle aus nah genug zum Greifen erschien.

Watson verpasst in dem Witz mit Sherlock Holmes, den ich auf meiner Website habe, das gestohlene Zelt, weil er sich in Sternenfakten und Staunen verliert. Die kühnen Tricks unserer Augen treiben uns oft zur Ambition, aber echter Fortschritt entsteht durch das Verbinden von Blickwinkeln: die Präzision des Wissenschaftlers mit der Reichweite des Träumers, die maskuline, phallische Energie mit der femininen, erdenden Kraft und natürlich unsere östliche Vorliebe für Gefühl mit der westlichen für Fakten.

Welche fernen Träume können wir als Nächstes in gemeinsame Realitäten verwandeln, welche Illusion weben die uns alle emporhebt zu einer neuen echten Ebene in dieser unserer unergründlichen Realität?

Die Quelle(n) der Wahrheit?

Machen wir uns Gedanken dazu, wer in unserer Welt im Zusammenhang mit der aktuellen Politik und dem gesellschaftlichen Geschehen die Wahrheit schreibt und wer Lügen erzählt, kommen wir früher oder später zum Fazit, dass es eigentlich gar nicht so sehr um Wahrheit oder Lügen geht, sondern viel mehr um die erzählten Geschichten und Perspektiven. Kaum eine Geschichte und Perspektive ist dabei vollständig wahrhaftig bzw. kaum eine ist komplett erlogen. Überall befindet sich, in anderen Worten, etwas wertvolles, wenn wir auf dem Weg sind, auf der Suche, nach einem Verständnis der aktuellen Politik und des aktuellen gesellschaftlichen Geschehens.

Obwohl ich mir selten die Zeit nehme um mich hierüber zu informieren, denn zu viele Informationen aus diesen Sphären unseres Lebens sind in der Tat nicht nötig, ja auch nicht erwünscht für ein glückliches und erfülltes Leben, so nutze ich diese wenige Zeit, die ich mir nehme, schon seit vielen Jahren auf ein ganz bestimmte Art und Weise bzw. ich habe, um mich zu informieren über die aktuelle Politik und das gesellschaftliche Geschehen, ein spezielles modus operandi entwickelt. Da ich diesen modus operandi sehr schätze und über ihn jeweils nicht nur eine Bereicherung erfahre, sondern mich auch befähige der aktuellen Politik und dem gesellschaftlichen Geschehen beizutragen, wollte ich diesen modus operandi zugänglich machen. Wir Menschen wollen und müssen schließlich der Gesellschaft beitragen, denn nur gemeinsam, nur zusammen, können wir in dieser gefährlichen und oft unfreundlichen Realität überleben und uns in ihr weiter behaupten.

Ich nehme, wenn ich jeweils den Hunger nach diesen Informationen erhalte, die Welt ins Visier und betrachte sie durch ein Kaleidoskop von Stimmen. Konkret schaue ich mir zum einen die Webseiten der serbischen Blätter "Politika" und "Danas" an, dann der deutschen "Spiegel" und "FAZ", der britischen "Guardian" und "BBC", der amerikanischen "CNN" und "Fox News" und schließlich der russischen "Moskovskaya Gazeta", der chinesische "People's Daily" und der indischen "Times of India", um einige zu nennen. Ohne die tüchtige Ausübung des ehrenwerten Berufs von Journalisten in politischer Position und Opposition, wären diese internationalen Wanderungen für mich gar nicht möglich. Natürlich gibt es auch unter den Journalisten allerlei Menschen, aber so ist es in jedem Beruf, wobei dieser in unserer heutigen Zeit unter großem Druck steht sich zu wandeln. Ich spreche verschiedene Sprachen, aber merke heute werden diese Webseiten alle auch zügig und automatisch in Sprachen nach Wahl übersetzt, d.h. diese Art der Wanderung auf der Suche nach Verständnis ist jedem zugänglich. Genau das ist auch die entscheidende Aufgabe guter Journalisten, nämlich die Leser sauber mit Fakten und verschiedenen Gefühlen Betroffener zu versorgen, sodass mach dem Lesen als Konsequenz ein Verständnis entstehen kann. Die Aufgabe ist es selbst unsichtbar zu bleiben, wie ein guter Schiedsrichter in einem Fußballspiel, ohne den das Spiel unmöglich ist, der aber nur dann richtig gut seine Arbeit macht, wenn er kaum auffällt. Das politische und gesellschaftliche Spiel ist kein Spiel, sondern das reale Leben, aber es hat ähnlich zu einem Spiel auch eine Struktur und eine Rollenverteilung und so vollzieht es sich zwischen den Lauten und den Leisen Mitgliedern der Gesellschaft. Die Arbeit der Journalisten besteht darin sowohl die Lauten vorzustellen und ihnen dabei auf die Finger zu schauen als auch die Leisen immer wieder etwas lauter zu machen. Natürlich geht es auch darum diejenigen ins Licht zu bringen, die im Schatten agieren, was eine enorm wichtige und oft gefährliche Arbeit darstellt, die aber gemacht werden muss, denn ohne sie ist vieles in unseren Politiken und Gesellschaften gefährdet. Wir Menschen sind eben keine Schmetterlinge.

Ich besuche natürlich auch Webseiten aus anderen Ländern manchmal, um zu lesen was dort die Journalisten schreiben und die politischen und gesellschaftlichen Akteure sagen, insbesondere wenn in diesen Ländern etwas geschah. Ich bemühe mich dabei in den meisten Ländern jeweils Stimmen der politischen Position und der Opposition wahrzunehmen.

In Bezug auf meine philosophischen und religiösen Gedanken tue ich dabei das komplette Gegenteil - wie Seneca und viele andere geraten haben und auch ich allen künftigen Denkern raten will, soll man nicht in der Menge der Autoren schwelgen, sondern in der Tiefe einiger weniger. In Bezug auf die Politik und das gesellschaftliche Geschehen jedoch tue ich, wie ich nun begann zu schildern, as Gegenteil: ich sammle nicht Tiefen, sondern Breiten.

Was sind Politik und Gesellschaft, wenn nicht ein ständiges Probieren, ein Tasten nach Wahrheit in den Schatten der Meinungen? Wir lesen über die Politik nicht, um zu wissen, was ist, sondern um zu spüren, ob das was scheint auch wahr ist – und in diesem Schauen der vielen Scheine enthüllt sich uns manchmal der Umriss des Wahren.

In der Stille meines Arbeitszimmers, rufe ich diese Seiten auf, prüfe verschiedene Perspektiven in verschiedenen Staaten und die Welt entfaltet sich vor mir wie ein Garten mit vielen Blumen, von denen jedoch nur zwei wirklich zählen: Die einen duften süß nach Liebe und Freiheit, die anderen bitter nach Angst und Macht. Früher war solch ein Zugang zu Informationen den wenigen vorbehalten – den Fürsten mit ihren Boten, den Gelehrten mit ihren Bibliotheken. Heute, durch die Magie der Maschinen, liegt dieser Zugang jedem offen, der nur die Hand ausstreckt. Und doch, wie seltsam ist es, dass so wenige danach greifen? Oder ist es das?

Betrachten wir die Seele von uns Menschen, einer wankelmütigen Kreatur. Wir könnten von der Trägheit sprechen, jener acedia, die uns in der Bequemlichkeit wiegt. Der Geist sucht den Pfad des geringsten Widerstands, wie Wasser bergab fließt. Widersprüchliche Berichte zu lesen – den Ukraine-Konflikt als Triumph in russischen Lettern, als Tragödie in westlichen und als zunehmend irrelevant und uninteressant überall sonst auf der Welt, wo man selbstverständlich mit eigenen Problemen viel mehr beschäftigt ist – erzeugt jene innere Unruhe, welche die Alten dissonantia nannten, ein Zwiespalt, der schmerzt wie ein Splitter im Fleisch. Der Mensch, faul wie er ist, meidet diese Arbeit; er wählt die sanfte Lüge der Bestätigung, den Weg des geringsten Widerstandes, auf dem jede Nachricht sein eigenes Bild poliert. Und die modernen Apparate, diese Algorithmen, die wie unsichtbare Diener arbeiten, verstärken es: Sie füttern uns mit dem, was wir lieben, bis unsere Welt schrumpft zu einem Spiegelkabinett, in dem nur das Eigene widerhallt.

Doch ist es nur Trägheit? Nein, da mischt sich auch der Stolz, jener alte Feind der Weisheit. Wir klammern uns an unsere Narrative wie an Reliquien, denn sie formen unsere Identität: "Ich bin der Liberale, der Konservative, der Patriot..." Eine fremde Sicht einzunehmen fühlt sich an wie Verrat – an sich selbst, an der Sippe.

Die Alten wussten das: Sokrates trank den Schierlingsbecher, weil er die Stadt herausforderte, ihre Blasen zu verlassen, zu durchstechen. Und heute? Manche Journalisten, die man so gar nicht nennen durfte, und oft auch die politischen Kämpfer selbst nähren leider diesen blasenartigen Tribalismus, indem sie den Anderen als Lügner brandmarken. Misstrauen blüht, wo Vertrauen und Auseinandersetzung welken sollten. Sprachen und staatliche Grenzen tun ihr Übriges; sehr viele Menschen, gefangen in ihrer Zunge, hören nur das Echo ihrer eigenen Kammer.

Aber wir wollen uns nun zu den Früchten wenden, die derjenige erntet, der durchhält und die Vielfalt wagt. Ach, welch ein Gewinn! Nicht in Gold oder Ruhm, sondern in der Erweiterung der Seele. Indem man erkennt, dass Narrative keine Ketten sind, sondern Fäden in einem Gewebe, lernt man, sie zu mitzuweben, ohne eines zu zerreißen. Man muss nicht wählen zwischen verschiedenen, entgegengesetzten Blicken, nein, man trägt sie in sich, wie ein Reisender Karten aus verschiedenen Ländern. Diese Integration – ins Bewusste, ja ins Unbewusste – ist keine Last, sondern eine Befreiung. Unser Geist, elastisch wie Quecksilber, dehnt sich aus; kognitive Dissonanz wird zum Lehrer, nicht zum Peiniger. Ich denke an Epiktet, den Sklaven-Philosophen: "Nicht die Dinge quälen uns, sondern unsere Meinungen darüber." Indem wir viele Meinungen sammeln, mildern sie die Qualen jeder einzelnen, bis wir gar keine Qualen mehr verspüren und offen für alle Meinungen sind, aber zugleich auch fähig die gefährlichen und falschen schnell und zügig zu entlarven.

Was gewinnt man also? Zuerst eine tiefere Empathie: Man versteht den Anderen nicht als Feind, sondern als Spiegel eines anderen Lichts. Dann eine schärfere Urteilskraft: Wahrheit entsteht nicht aus Monolog, sondern aus Dialog der Geister. Und schließlich Freiheit – die wahre, innere Freiheit, die keine Blase duldet und die verängstigten und auch bösen Menschen, die Blasen schmieden und festigen, ziemlich sofort enttarnt. Ich habe mich geprüft, ich habe gezweifelt und ich habe mich gewandelt in Beziehung zu mir selbst; so tue ich es auch mit der Weltpolitik. Es ist der Weg der Skeptiker, der Stoiker: Akzeptiere die Vielheit, integriere sie, und erst dann wirst du ganz. Unsere Welt da draußen ist schließlich ziemlich laut und voll von allen möglichen Stimmen, wir müssen einen Weg finden sie zu hören, zuzulassen und dies auf eine für uns bereichernde Art und Weise.

Zum Schluss: In dieser gespaltenen Epoche der politischen Welt, die wie ein zerbrochener Spiegel erscheint, erscheint der Pfad der Vielfalt der einzig sinnvolle und auch gesunde. Er heilt die Seele von der Engstirnigkeit, stärkt sie gegen Täuschung und entlarvt überall die verängstigten und die Bösen und von denen gibt es, leider, sehr viele, überall. Die Alten lehrten: Nosce te ipsum – erkenne dich selbst. Aber in unserer Zeit ergänze ich: Erkenne die Welt in ihrer Vielfalt, und du erkennst dich wahrlich. So möge dieser Text dich inspirieren; nimm ihn, lerne aus ihm, kritisiere ihn, erweitere ihn, mache ihn dein eigen.

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