2026

Johann Sebastian Bach #1 - wie alles begann

Dies ist der erste von meinen insgesamt vier Texten zu Johann Sebastian Bach. In jedem geht es um eine Phase seines Lebens, in diesem ersten Text geht es um seine Kindheit und frühe Jugend. Ich setze dieses philosophische Projekt um, während ich am wunderbar oorganisierten Bachfest der Internationalen Bachakademie Stuttgart teilnehme.


Über Johann Sebastian Bach zu sprechen heißt oft, über Größe zu sprechen – über ein Werk, das größer geworden ist als sein Urheber. Doch jede Größe hat eine Herkunft. Und im Falle Bachs liegt diese Herkunft nicht im Mythos des Genies, sondern in der stilleren, strengeren Welt einer musikalischen Ordnung, die ihn von Kindheit an umgab und formte.

Johann Sebastian Bach wurde am 21. März 1685 in Eisenach geboren – als jüngstes von acht Kindern des Stadt- und Hofmusikus Johann Ambrosius Bach und seiner Frau Maria Elisabeth, geb. Lämmerhirt.[1] Er wurde nicht in eine Welt der Kunst geboren, sondern in eine Welt des Könnens, des Handwerks. Die Familie Bach war über Generationen hinweg eine Musikerfamilie, deren Mitglieder als Stadtpfeifer, Organisten und Kantoren tätig waren. Musik war hier kein Ausdruck individueller Innerlichkeit im modernen Sinne, sondern ein Beruf, ein Dienst, ein Handwerk – gebunden an Kirche, Stadt und Hof.[2]

Diese Differenz ist entscheidend. Bach entstammt keiner romantischen Künstlerbiographie, sondern einer Zunftstruktur. Der Musiker war Teil einer sozialen Ordnung; seine Aufgabe war es, zu funktionieren, zu tragen. Gerade deshalb war das Haus Bach kein Ort kontemplativer Abgeschiedenheit, sondern ein Arbeitsraum. Lehrlinge lebten im Haushalt, Instrumente waren Werkzeuge, Proben Teil des Alltags.[3] Musik war nicht das Außergewöhnliche – sie war das Normale.

Als jüngstes Kind trat Johann Sebastian in eine bereits geformte Welt ein. Seine älteren Geschwister – Johann Christoph, Johann Balthasar, Johann Jonas, Maria Salome, Johanna Juditha und Johann Jacob – bildeten nicht nur eine Familie, sondern ein Gefüge von Stimmen, Rollen und Vorbildern.[4] In einem solchen Haushalt wird man nicht Musiker, indem man sich dafür entscheidet. Man wächst hinein.

Doch diese Ordnung war früh von Brüchen durchzogen. Noch im Jahr seiner Geburt starb sein Bruder Johann Jonas (1685); ein Jahr später folgte der Tod seiner Schwester Johanna Juditha (1686).[5] 1691, im Alter von sechs Jahren, verlor Bach seinen Bruder Johann Balthasar.[6] Diese Verluste sind nicht bloß biographische Randnotizen. Sie markieren eine Kindheit, in der Vergänglichkeit nicht abstrakt, sondern konkret erfahrbar war. Die Familie bestand nicht nur aus den Lebenden, sondern auch aus den Abwesenden, deren Namen blieben. Man sollte diese Erfahrungen nicht psychologisieren, wenn man an den jungen Johann Sebastian denkt, aber ins Bewusstsein rücken, dass er in einer anderen Zeit und Gesellschaft aufwuchs, in der Familie und Arbeit oft ein und dasselbe waren, neue Generationen von Könnern von früh auf regelrecht gezüchtet wurden und in welcher der Tod von Kindern zum Familienleben dazu gehörte. Jeder Tod eines nahen Familienmitglieds hinterließ natürlich Narben und Johann Sebastian als Kind erlebte nicht wenige von diesen.

Der tiefste Einschnitt erfolgte 1694 mit dem Tod der Mutter.[7] Maria Elisabeth Bach war nicht nur Bezugsperson, sondern das ordnende Zentrum eines komplexen Haushalts. Ihr Tod bedeutete mehr als Trauer – er bedeutete den Verlust der inneren Stabilität. Der Vater heiratete noch im selben Jahr erneut, was weniger als emotionale Entscheidung denn als soziale Notwendigkeit zu verstehen ist. Ein Haushalt dieser Größe konnte in der Zeit anders nicht funktionieren. [8]

Doch auch diese neue Ordnung hielt nicht lange. Am 20. Februar 1695 starb auch sein Vater, Johann Ambrosius Bach.[9] Johann Sebastian war zu diesem Zeitpunkt noch keine zehn Jahre alt – Vollwaise in einem Alter, in dem andere Kinder erst beginnen, die Welt zu begreifen.

Hier zeigt sich jedoch eine zweite, ebenso prägende Struktur: die Kontinuität der Familie. Bach wurde zusammen mit seinem Bruder Johann Jacob nach Ohrdruf aufgenommen, in das Haus seines älteren Bruders Johann Christoph, der dort als Organist wirkte.[10] Dieser übernahm nicht nur die Vormundschaft, sondern auch die musikalische Ausbildung.

Damit setzte sich etwas fort, das für die Familie Bach konstitutiv war: die Weitergabe von Musik als innerfamiliäre Pflicht. Das Kind verlor seine Eltern, aber nicht seine Ordnung. Es trat in eine neue Form derselben ein.

Vielleicht liegt genau hier der Schlüssel zum Verständnis dieser frühen Jahre. Bachs Kindheit in Eisenach war keine idyllische Klanglandschaft, sondern eine Verbindung aus Struktur und Verlust, aus Handwerk und Endlichkeit. Er lernte früh, dass Musik nicht aus der Freiheit entsteht, sondern aus Bindung; nicht aus der Laune, sondern aus der Form.

Und ebenso lernte er, dass diese Form nicht vor dem Verlust schützt.

In dieser Spannung – zwischen Ordnung und Vergänglichkeit – beginnt etwas, das später in seiner Musik zur Vollendung kommt. Seine Werke wirken nicht wie spontane Äußerungen eines Inneren, sondern wie gebaute Räume. Räume, die tragen. Räume, die halten und Ordnung möglich machen im Angesicht der Vergänglichkeit. Vielleicht, weil ihr Urheber früh erfahren hat, dass das Leben selbst es nicht immer tut.

Wenn man also den jungen Johann Sebastian Bach in Eisenach betrachtet, dann sollte man ihn nicht als frühvollendetes Genie aus dem Nichts betrachten. Man sollte ihn sehen als das jüngste Kind eines Hauses, in dem Musik so selbstverständlich war wie Arbeit, Gebet und Pflicht; als Kind einer Familie, die Generationen von Musikern hervorbrachte, nicht weil sie den Ausnahmezustand des Genies suchte, sondern weil sie das musikalische Handwerk in den Alltag, in die Erziehung und in die Verwandtschaft eingeschrieben hatte; und als Kind, das früh mit Geschwistertod, Muttertod, Vatertod und erzwungener Übersiedlung in das Haus des älteren Bruders leben musste. Gerade darin liegt etwas Grundsätzliches über Bach: Seine Größe wuchs nicht gegen die Form, sondern aus ihr.

Vielleicht ist das eine der wichtigsten Lektionen seiner Eisenacher Kindheit: Dass das Höchste in der Musik nicht selten dort entsteht, wo Liebe, Ordnung, Verlust und Arbeit einander nicht ausschließen, sondern einander tragen?


Fußnoten

[1]: Christoph Wolff, Johann Sebastian Bach: The Learned Musician (New York: W. W. Norton, 2000), 17–20.

[2]: Hans-Joachim Schulze, Die Bach-Familie (Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt, 1984), 9–25.

[3]: Philipp Spitta, Johann Sebastian Bach, Bd. 1 (Leipzig: Breitkopf & Härtel, 1873), 35–40.

[4]: Martin Geck, Johann Sebastian Bach. Leben und Werk (Reinbek: Rowohlt, 2000), 21–23.

[5]: Klaus Eidam, Das wahre Leben des Johann Sebastian Bach (München: Piper, 1999), 34.

[6]: Peter Williams, J. S. Bach: A Life in Music (Cambridge: Cambridge University Press, 2007), 12.

[7]: John Eliot Gardiner, Bach: Music in the Castle of Heaven (London: Allen Lane, 2013), 45–47.

[8]: Christoph Wolff, Johann Sebastian Bach, 24.

[9]: Martin Geck, Johann Sebastian Bach, 28.

[10]: Michael Maul, Johann Sebastian Bach. Komponist im Dienst der lutherischen Kirche (Kassel: Bärenreiter, 2015), 30–33.


Von der Harmonie der Saiten und der Dissonanz der Seelen: Ein Versuch über den inneren Frieden

Ich sitze an meinem Schreibtisch, noch erfüllt von den Klängen des heutigen Abends in der Stuttgarter Matthäuskirche. Es war mein zweiter Konzertbesuch im Rahmen dieses zweiten Internationalen Bachfests, das nun, nach seiner glanzvollen Premiere im letzten Jahr, bereits zu einem unverzichtbaren Ankerpunkt unserer Stadt geworden ist.

Man muss sich die Hingabe vor Augen führen, mit der die Musikerinnen und Musiker sowie das gesamte Organisationsteam der Internationalen Bachakademie hier am Werk sind. Ob in der Heimat Stuttgart oder auf den Reisen der Gaechinger Kantorei in die fernen Winkel der Welt: Was hier unter Aufbringung höchster Disziplin und harter Arbeit geleistet wird, ist nichts Geringeres als das Angebot einer der wertvollsten seelischen Bereicherungen, die es auf unserem Planeten überhaupt gibt. Es ist die Konstruktion von Ordnung aus dem Chaos, von Schönheit aus der Stille.

Doch während wir in der Geborgenheit dieser Qualität schwelgten, hallten in meinem Kopf die Worte von Kiya Tabassian nach, mit dem ich mich gerne nach dem Konzert ausgetauscht habe. Er sagte zu Beginn: „Persien ist eine sehr alte Zivilisation und braucht Freiheit.“ Ein Satz, der wie ein Mahnmal über dem Programm „Von Sachsen bis Persien“ schwebte. Denn während wir die Brücke zwischen Bach und dem persischen Mystiker Omar Khayyam feierten, brennt die Welt jenseits unserer Kirchenmauern.

Was sind wir für Wesen, wir Menschen? Wir sind fähig, mit unendlicher Mühe Kathedralen des Klangs zu errichten, während wir gleichzeitig mit technischer Kühle die physischen Fundamente unseres Lebens vernichten.

Betrachten wir die nackten, grausamen Zahlen in diesem März 2026: Im Iran zählen wir bereits über 1.444 Tote – manche Quellen sprechen gar von über 3.000, darunter fast 1.300 Zivilisten. Ein einziger Schlag in Minab löschte 165 Leben in einer Schule aus... Auf der israelischen Seite stehen bisher 19 Todesopfer. Jedes einzelne verlorene Leben ist ein verlorenes Leben zu viel, und doch zwingt sich hier die Frage nach der Diskrepanz auf? Die Politikwissenschaft erklärt es uns nüchtern: Es ist die Überlegenheit der Technik. Hier der „Iron Dome“ durch die vielschichtige, zuverlässige Verteidigungsorganisation, dort in vielem Chaos und Schutzlosigkeit.

Wir haben gelernt, uns fast perfekt zu verteidigen und uns gegenseitig fast perfekt zu töten – aber haben wir gelernt, nach all der Philosophie, den Religionen, dem Sport usw. usf., haben wir gelernt uns selbst zu beherrschen?

Montaigne schrieb einst: „Auf dem höchsten Thron der Welt sitzen wir doch nur auf unserem eigenen Hintern.“ Wir tragen auch unsere inneren Unruhen weiter in uns und natürlich auch nach außen. Ist nicht auch der Krieg zwischen Israel und dem Iran eine weitere großflächige Projektion jener Kämpfe, die wir in uns selbst führen – der Widerstreit zwischen der Angst und dem Vertrauen, zwischen dem zerstörerischen Trieb und dem schöpferischen Willen?

Die wahre Tragödie liegt darin, dass die Probleme meist nicht zwischen uns Menschen existieren, sondern in uns. Wenn die Zerstörungslust ein Teil unseres Wesens ist, wie können wir sie bändigen? Das Konzert heute Abend war eine Antwort: Es war eine Übung in Resonanz. Es bewies, dass die „Freiheit“, die Tabassian für Persien forderte, nicht nur die Freiheit von äußeren Ketten ist, sondern die Freiheit zur geistigen Begegnung.

Doch am Ende frage ich mich: Was weiß ich wirklich? Vielleicht ist unsere menschliche Kultur nur ein dünner Firnis über einem Abgrund. Aber solange manche Menschen bereit sind, so hart für die Schönheit zu arbeiten, wie es die Bachakademie tut, besteht die Hoffnung, dass wir irgendwann kollektiv lernen, die Saiten in uns so zu stimmen, dass sie nicht mehr zum Kriegsbogen gespannt werden.

Einreichung für den BW Kongress

Titel
Vom Sparen zum Investieren – und vom Investieren zum Sparen: Ressourceneffizienz in der Kreislaufwirtschaft schöpferisch denken

Kurzbeschreibung
„Nein“, antwortete Zarathustra, „ich gebe kein Almosen. Dazu bin ich nicht arm genug.“
Nietzsche verweist damit auf eine entscheidende Unterscheidung: Handeln aus Mangel ist etwas anderes als Handeln aus Fülle. Diese Unterscheidung ist für Ressourceneffizienz zentral – denn wir scheitern selten an fehlendem Wissen, sondern an fehlender Haltung.

Kreislaufwirtschaft wird häufig als technisches System beschrieben. Doch ob sie gelingt, entscheidet sich im Menschen: in der Art, wie wir Verantwortung verstehen, wie wir führen, wie wir Grenzen setzen, wie wir in Familien und Organisationen über „mehr“ und „genug“ sprechen.

Genau hier setzt mein Vortrag an und schlägt eine dialektische Perspektive vor, die in Baden-Württemberg tief anschlussfähig ist: Schöpfen und Sparen gehören zusammen. Nicht Sparen statt Investieren, sondern Investieren so, dass Sparen möglich wird – und Sparen so, dass weiteres Gestalten möglich bleibt.

Ressourceneffizienz ist damit nicht Verzicht, sondern kluge Kapitalallokation: Wir investieren in langlebiges Design, Reparierbarkeit, Kreislauffähigkeit, Datenkompetenz, Resilienz – und erhalten dadurch materiellen Wert, Zeit, Energie und Handlungsspielräume.

Es gibt viele wichtige Ressourcen in der Kreislaufwirtschaft, aber keine ist so wichtig wie wir Menschen. Es ist merkwürdig sich Gedanken über sich selbst zu machen in Form von einer Ressource, aber ob wir es wollen oder nicht, wir alle sind Ressourcen. Und ich meine und alle, Arbeitgeber und Arbeitnehmer, Politiker und Wähler, Eigentümer und Mieter, Verkäufer und Kunden, Eltern und Kinder - wir alle sind füreinander Ressourcen. Unsere Urteilskraft, unsere Fähigkeit zum Maß, unsere Lern- und Kooperationsfähigkeit und natürlich unsere Identitäten spielen alle eine Rolle, sind alle wichtig, aber wie genau gehen wir miteinander um? Sind wir effizient, wenn wir uns gegenseitig als Ressourcen nutzen? Sparen wir unsere Nerven und die Nerven anderer, wenn wir uns gegenseitig nutzen und wie steht es mit dem Investieren? Investieren wir genug ineinander?

Wenn man in seine Mitmenschen investiert (Führung, Bildung, Kultur, psychologische Sicherheit), reduziert man dann Reibungsverluste, Fehlerkosten und Überlastung – oder erreicht man dies nur, wenn man sich und seine Mitmenschen spart?

Oder kommt es für die Zukunft und den Erhalt unserer Wohlstandsgesellschaft vielleicht doch auf einen dritten Weg an? Auf eine Synthese des Sparens und Investierens in uns selbst und unsere Nächsten?

Und seien wir ehrlich, ist nicht diese, urchristliche Botschaft der Liebe, im Kern unser Erfolgsmodell im Ländle? Wo wären wir ohne alle die Tüftler, Erfinder und Schöpfer wo ohne all die zurückhaltenden, denkenden Sparer?

Auf zu einer Kreislaufwirtschaft die auf der Ressourceneffizientesten Haltung basiert, der Haltung einer investierenden Sparsamkeit - oder was wünschen Sie sich für sich selbst und Ihre Nächsten?


Die Breite oder die Tiefe? Die Antwort ist ja.

Wenn ich über die Methode nachdenke, die Welt durch ein Kaleidoskop von Stimmen zu betrachten – durch die serbischen Blätter Politika und Danas, die deutschen Spiegel und FAZ, die britischen Guardian und BBC, die amerikanischen CNN und Fox News, die russische Komsomolskaya Pravda, die chinesische People's Daily und die indische Times of India –, so erinnert mich das an Montaignes Wanderungen durch die Bücher der Alten. Seneca jedoch riet einst, wie auch viele Heilige der Orthodoxen Kirche, nicht in der Menge der Autoren zu schwelgen, sondern in der Tiefe einiger weniger. Was ist richtig? In die Breite zu gehen oder in die Tiefe?

Ich mache es so - in der Philosophie und in der Religion gehe ich in die Tiefe. In der Politik jedoch tue ich das Gegenteil: ich sammle nicht Tiefen, denn meistens gibt es sie auch nicht in der Politik, sondern Breiten.

Was ist Politik, wenn nicht ein ständiges Probieren, ein Tasten nach Wahrheit in den Schatten der Meinungen und dem Licht der Scheine? Wir lesen über die Politik nicht, um zu wissen, was ist, sondern um zu spüren, ob das was scheint auch wahr ist und wo etwas wesentliches verheimlicht wird – und in diesem Schauen der vielen Scheine und der Suche nach den Schatten enthüllt sich uns manchmal der Umriss des Wahren.

In der Stille meines Arbeitszimmers, rufe ich diese politischen Seiten auf, prüfe verschiedene Perspektiven in verschiedenen Staaten und die Welt entfaltet sich vor mir wie ein Garten mit vielen Blumen, von denen jedoch nur zwei wirklich zählen, zwei die wir alle kennen: Die Blumen, die süß nach Liebe und Freiheit duften und die anderen Blumen, die bitter nach Angst und Macht stinken. Früher war solch ein Zugang zu Informationen den wenigen vorbehalten – den Fürsten mit ihren Boten, den Gelehrten mit ihren Bibliotheken. Heute, durch die Magie der Maschinen, liegt er jedem offen, der nur die Hand ausstreckt. Und doch, wie seltsam ist es, dass so wenige danach greifen? Oder ist es das? Haben nicht genau die "Mächtigen" stets danach gesucht, die von ihnen beherrschten Menschen "ohnmächtiger" zu machen, vom "Greifen" fernzuhalten und abzugewöhnen? Schmiedeten sie nicht die Zäune und die Ketten um zu herrschen über ihre Mitmenschen wie über Schafe, um sie zu scheren, zu melken und regelmäßig auch zu schlachten? Haben zugleich nicht die Liebenden das Gegenteil versucht, ihre Mitmenschen zu befreien, Verantwortung zu lehren und mit ihnen zu teilen? Sind wir Menschen so tief gewöhnt an ein solches Leben zwischen Liebe und Macht, dass wir uns einst befreit von Ketten, freiwillig in neue schmieden, einst befreit von Mauern, wir uns freiwillig neue zulegen und umgekehrt, einst in Ketten gelegt, die abzulegen suchen und einst in Mauern gefangen, die zu durchbrechen? Das würde jedenfalls vieles erklären... Wie sich unsere Vorfahren gegenseitig geformt und verformt haben. Wenn wir uns selbst kennenlernen wollen, dann können und dürfen wir als Nachfahren diese lange Vergangenheit nicht ignorieren, es gibt zwar in jeder Generation einen gewissen Neustart, eine gewisse Tabula Rass, aber sowohl die genetische Festplatte als auch unsere Kulturen bleiben nahezu identisch und

Betrachten wir die Seele von uns Menschen, einer wankelmütigen Kreatur. Wir könnten von der Trägheit sprechen, jener acedia, die uns in der Bequemlichkeit wiegt. Der Geist sucht den Pfad des Geringsten Widerstands, wie Wasser bergab fließt. Widersprüchliche Berichte zu lesen – den Ukraine-Konflikt als Triumph in russischen Lettern, als Tragödie in westlichen und als zunehmend irrelevant und uninteressant überall sonst auf der Welt, wo man selbstverständlich mit eigenen Problemen viel mehr beschäftigt ist – erzeugt jene innere Unruhe, die die Alten dissonantia nannten, ein Zwiespalt, der schmerzt wie ein Splitter im Fleisch. Der Mensch, faul wie er ist, meidet diese Arbeit; er wählt die sanfte Lüge der Bestätigung, den Weg des geringsten Widerstandes, auf dem jede Nachricht sein eigenes Bild poliert. Und die modernen Apparate, diese Algorithmen, die wie unsichtbare Diener arbeiten, verstärken es: Sie füttern uns mit dem, was wir lieben, bis unsere Welt schrumpft zu einem Spiegelkabinett, in dem nur das Eigene widerhallt.

Doch ist es nur Trägheit? Nein, da mischt sich auch der Stolz, jener alte Feind der Weisheit. Wir klammern uns an unsere Narrative wie an Reliquien, denn sie formen unsere Identität: "Ich bin der Liberale, der Konservative, der Patriot." Eine fremde Sicht einzunehmen fühlt sich an wie Verrat – an sich selbst, an der Sippe. Ich merke, dass ich mich derzeit in Bezug auf die Politik in Russland, China und Indien auf die staatlichen Perspektiven reduziere, d.h. nicht wie in anderen Ländern die Stimmen der Position und der Opposition erforsche. Ich werde das erweitern, aber langsam und mit der Ruhe. Ab und zu lesen ich auf dem Balkan auch ein bisschen etwas aus anderen Ländern, es scheint mir die politische Wahrheit der Welt ist nichts anderes als ein Flickenteppich, den wir mit jedem essenziellen Titel stets weiter vervollständigen können.

Die Alten wussten das: Sokrates trank den Schierlingsbecher, weil er die Stadt herausforderte, ihre Blasen zu verlassen, zu durchstechen. Und heute? Die Medien selbst nähren leider diesen blasenartigen Tribalismus, indem sie den Anderen als Lügner brandmarken. Misstrauen blüht, wo Vertrauen und Auseinandersetzung welken sollten. Sprachen und staatliche Grenzen tun ihr Übriges; sehr viele Menschen, gefangen in ihrer Zunge, hören nur das Echo ihrer eigenen Kammer.

Aber wir wollen uns nun zu den Früchten wenden, die derjenige erntet, der durchhält – der, wie ich, die Vielfalt wagt. Ach, welch ein Gewinn! Nicht in Gold oder Ruhm, sondern in der Erweiterung der Seele. Indem man erkennt, dass Narrative keine Ketten sind, sondern Fäden in einem Gewebe, lernt man, sie zu weben, ohne eines zu zerreißen. Man muss nicht wählen zwischen verschiedenen, entgegengesetzten Blicken, nein, man trägt sie in sich, wie ein Reisender Karten aus verschiedenen Ländern. Diese Integration – ins Bewusste, ja ins Unbewusste – ist keine Last, sondern eine Befreiung. Unser Geist, elastisch wie Quecksilber, dehnt sich aus; kognitive Dissonanz wird zum Lehrer, nicht zum Peiniger. Ich denke an Epiktet, den Sklaven-Philosophen: "Nicht die Dinge quälen uns, sondern unsere Meinungen darüber." Indem du viele Meinungen sammelst, mildern wir die Qualen jeder einzelnen.

Was gewinnt man also? Zuerst eine tiefere Empathie: Man versteht den Anderen nicht als Feind, sondern als Spiegel eines anderen Lichts. Dann eine schärfere Urteilskraft: Wahrheit entsteht nicht aus Monolog, sondern aus Dialog der Geister. Und schließlich Freiheit – die wahre, innere Freiheit, die keine Blase duldet und die verängstigten und auch bösen Menschen, die Blasen schmieden und festigen, ziemlich sofort enttarnt. Ich habe mich geprüft, ich habe gezweifelt und ich habe mich gewandelt in Beziehung zu mir selbst; so tue ich es auch mit der Weltpolitik. Es ist der Weg der Skeptiker, der Stoiker: Akzeptiere die Vielheit, integriere sie, und erst dann wirst du ganz.

Zum Schluss: In dieser gespaltenen Epoche der politischen Welt, die wie ein zerbrochener Spiegel erscheint, ist der Pfad der Vielfalt der einzig gesunde. Er heilt die Seele von der Engstirnigkeit, stärkt sie gegen Täuschung und entlarvt überall die verängstigten und die Bösen und von denen gibt es, leider, sehr viele, überall. Die Alten lehrten: Nosce te ipsum – erkenne dich selbst. Aber in unserer Zeit ergänze ich: Erkenne die Welt in ihrer Vielfalt, und du erkennst dich wahrlich. So möge dieser Essay dich inspirieren; nimm ihn, überarbeite ihn, mache ihn dein eigen.

Wann Deutschland am erfolgreichsten war.

Anstand und Wohlstand – Über das deutsche Erfolgsmodell

Deutschland war nie erfolgreicher als nach dem Zweiten Weltkrieg. Nicht wirtschaftlich, nicht politisch, nicht gesellschaftlich.

Diese Feststellung irritiert manche. Denn sie widerspricht der verbreiteten Erzählung, Deutschland sei stark gewesen, wenn es hart, aggressiv oder autoritär auftrat. Die Geschichte zeigt das Gegenteil.

Das eigentliche deutsche Erfolgsmodell entstand nach 1945. Es beruhte nicht auf Überheblichkeit, sondern auf Selbstbegrenzung. Nicht auf Ausgrenzung, sondern auf Ordnung. Sein Kern bestand aus einer seltenen, aber kraftvollen Verbindung: Anstand und Wohlstand.

Anstand meint dabei keine moralische Überlegenheit und keine perfekte Tugend. Er meint etwas Bodenständigeres und Anspruchsvolleres: die bewusste Entscheidung, Macht zu begrenzen, Verantwortung zu übernehmen und Menschen als Menschen ernst zu nehmen. Anstand zeigte sich im Ton, im Maß, im Respekt vor dem Anderen – und vor den Regeln, die für alle galten.

Ein entscheidender Punkt dieses Modells war: Menschen wurden als Menschen genommen. Herkunft, Religion, soziale Wurzeln oder persönliche Geschichte entschieden nicht über den Wert eines Menschen. Entscheidend war der Beitrag, den jemand leisten konnte und wollte.

Deutschland verstand sich als Leistungsgesellschaft im besten Sinne des Wortes. Jeder sollte seinen Beitrag zum Ganzen leisten. Arbeit, Verantwortung und Verlässlichkeit waren keine leeren Begriffe, sondern gelebte Erwartungen. Leistung schuf Würde, Zugehörigkeit und Anerkennung.

Gleichzeitig galt ein ebenso klarer Grundsatz: Wer nicht leisten konnte, wurde nicht zurückgelassen.

Das soziale Netz war kein Widerspruch zur Leistungsgesellschaft, sondern ihre Voraussetzung. Es diente nicht dazu, Verantwortung aufzulösen, sondern Teilhabe zu sichern. Es sollte Menschen auffangen, stabilisieren und ihnen ermöglichen, wieder mitzuwirken, sobald sie dazu in der Lage waren.

Dieser Zusammenhang ist entscheidend: Anstand bedeutete nicht Anspruchslosigkeit, sondern Fairness. Wohlstand entstand nicht durch Beliebigkeit, sondern durch klare Erwartungen, eingebettet in Solidarität.

Dieses Modell speiste sich aus christlicher Anthropologie – der Einsicht in die Fehlbarkeit und Würde des Menschen – und aus demokratischen Prinzipien wie Rechtsstaatlichkeit, Gewaltenteilung und Kompromissfähigkeit. Gerade weil man dem Menschen nicht blind vertraute, schuf man Regeln, die Macht banden und Chancen eröffneten.

Aus dieser Haltung erwuchs Wohlstand. Nicht trotz Anstand, sondern durch ihn. Vertrauen in Institutionen, Verlässlichkeit des Rechts, soziale Stabilität und wirtschaftliche Leistungsfähigkeit verstärkten sich gegenseitig.

Heute wird oft suggeriert, Anstand sei Schwäche. Moral sei Luxus. Zurückhaltung naiv. Doch diese Sicht verkennt die eigene Geschichte. Deutschland wurde nicht erfolgreich, als es alle Grenzen sprengte, sondern als es lernte, mit Grenzen verantwortungsvoll umzugehen.

Das heißt nicht, dass die Nachkriegszeit ideal war. Aber sie war geprägt von einer seltenen Einsicht: Stärke ohne Maß zerstört – Stärke mit Maß trägt. Anstand war kein moralischer Zierrat, sondern eine produktive Kraft.

Gerade in Zeiten von Verunsicherung, Polarisierung und wachsendem Extremismus lohnt es sich, daran zu erinnern. Nicht um nostalgisch zurückzublicken, sondern um Orientierung zu gewinnen. Wer Anstand gegen Wohlstand ausspielt, zerstört beides. Wer Leistung gegen Solidarität ausspielt, ebenso.

Deutschland braucht keine neue Härte. Es braucht den Mut, anständig leistungsfähig zu bleiben.

Warum ich die Nobelpreisträger lese?

Die Literatur der Vergangenheit als Chronik des gesellschaftlichen Geistes.

Es gibt Projekte, die aus einer Laune oder durch Zufall entstehen, und solche, die tiefen Notwendigkeiten folgen. Die eigene Bibliothek des Geistes zu ordnen, und ich sage zu ordnen, denn jeder Mensch legt während seines Lebens durch die Aufnahme von Informationen, durch Lebenserfahrungen und durch das Durchleben von Emotionen eine solche geistige Bibliothek an, ist eine der wichtigsten Aufgaben im Leben des glücklichen Menschen.

So wie der Körper Nahrung benötigt, so benötigt auch die Seele bzw. unser Geist Nahrung und so wie der Körper fettleibig, krank und unbeweglich werden kann durch zu viel an schlechter und ungesunder Ernährung, so kann und geschieht dies auch mit schlechter und ungesunder Seelennahrung. So wie der Körper angelegte Fettreserven verbrauchen kann, wenn Zeiten mit wenig Nahrung auf einen zukommen, so kann der Geist in einem noch größeren Umfang gespeichertes Wissen, Erfahrungen und Gefühle immer und immer wieder verzehren und sich an ihnen erfreuen Der wesentliche Unterschied jedoch besteht nicht in der Speicherfähigkeit, sondern darin, dass unsere Seelen viel hungriger als unsere Körper sind.

Es wundert daher nicht, dass wir als Menschen Gesellschaften aufgebaut haben und in diesen regelmäßigen geistigen Austausch über Worte, Musik, Theater, mit der Zeit Schrift und in unserer heutigen Zeit schon auch Videos, Filme und vieles mehr. Auf die Fülle des Angebots kommt es jedoch nicht an, weder bei guter Nahrung für den Körper und noch weniger bei guter seelischer Nahrung. Es kommt viel mehr auf die Verfeinerung unserer Genüsse und zugleich unsere eigene Mäßigung und Beruhigung an.

Bekannt ist die Idee der "taste palate" bzw. zu Deutsch "Geschmackspalette" oder einfacher gesagt der Gaumenfreunde. Wir können diese trainieren bzw. durch die langsamere und bewusste Aufnahme von Nahrung einen ausgeprägten Tastsinn entwickeln und viele von uns haben das auch schon getan und darin große Freuden gefunden. Es kommt dabei auch nicht einfach um Besuche von Sternerestaurants, wobei ich mir diese besonders gerne gönne, sondern es geht viel mehr um die Entwicklung der Fähigkeit jedes bisschen Nahrung, was wir zu uns nehmen bewusst im Geiste zu verstehen und mit Geduld zu genießen. Mit unserem Geist wird dieses Spiel noch interessanter, denn es kommt dabei auf unsere Beziehungen mit unseren Mitmenschen, unseren Vorfahren sowie unseren Kulturen, Gesellschaften und Religionen an. All das stellt Seelennahrung für uns dar und umgekehrt - wir selbst bzw. unsere eigenen Seelen sind genauso Seelennahrung für unsere Mitmenschen, unsere Nachfahren, Kulturen, Gesellschaften und Religionen.

Was ich mir tagtäglich versuche zu gönnen und zu genießen und was ich selbst versuche zu geben ist das schönste und wertvollste, was eine menschliche Seele produzieren kann - die Liebe. Und in der Ordnung meiner geistigen Bibliothek beschloss ich, dank einem Zufall bzw. einer Fügung, durch welche die vollständige Büchersammlung des Kreises der Nobelpreisfreunde in meinen Eigentum kam, jedes mit dem Nobelpreis für Literatur gekürte Werk der Autoren zu lesen. Das Nobel-Komitee versuchte anfangs das Lebenswerk von Schriftstellern zu ehren, aber sie wählten dennoch ein einzelnes Buch aus dem Opus der Schriftsteller aus und dieses wurde vom Kreis der Nobelpreisfreunde in einer schönen Auflage gedruckt. Diese Bücher, die seit 1901 erscheinen, dem Jahr in dem der erste Nobelpreis für Literatur veröffentlicht wurde, bilden eine Brücke aus Papier und Tinte, die uns alle durch die letzten 125 Jahre führen und eine wertvolle und nahrhafte Chronik des gesellschaftlichen Geistes darstellen.

Was mich an dieser speziellen Edition fasziniert, ist nicht allein das literarische Werk. Es ist das „Davor“ und das „Danach“, denn jeder Band beginnt mit einem Rückblick auf die oft schwierige und manchmal auch Thrillern-ähnelnde Entscheidungsfindung des Komitees und dem Echo, das diese in der damaligen Öffentlichkeit auslöste. Es folgt die Verleihungsrede – jener Moment, in dem die Welt versucht, das Unfassbare, die Kunst, in feierliche Worte zu fassen. Schließlich gibt ein Essay über das Leben und Werk des Autors den biografischen Resonanzboden für das Werk selbst.

Ich lese diese Bücher nicht als bloßer Konsument, sie sind nicht einfach eine weitere Art von Seelennahrung, sondern sie bilden etwas sehr feines, dass es uns ermöglicht unsere eigenen geistigen Bibliotheken zu ordnen und zugleich unseren seelischen Geschmackssinn zu veredeln.

Mein Weg durch die Sammlung begann – wie erwähnt – mit 1901: Sully Prudhomme. Er war ein Kollege, Philosoph und Dichter. Seine Tagebücher und Gedichte, die in der ersten Auflage in 1901 erschienen sind, sind das Vermächtnis eines Suchenden. Das Komitee ehrte ihn für seinen „edlen Idealismus“, doch wenn ich ihn heute lese, sehe ich einen Mann, der ahnt, dass die reine Vernunft allein die Abgründe der Seele nicht ausleuchten kann. Er war auf der Suche nach der Antwort auf die große Frage unseres Daseins, der Frage danach: was ist der Mensch? Bis zum Ende seines Lebens gab er die Suche nicht auf und es ist ein vortreffliches Erlebnis sich ihm bei dieser zu gesellen, insbesondere durch das Lesen seiner Tagebücher in denen er ehrlicher und direkter war als in manchen seiner anderen Werke und die er herausgab, als er in der Gesellschaft genug ankam und das Gefühl hatte sein Werk für die Gesellschaft mit ihnen abrunden zu können bzw. seine Kreise zu schließen.

Schon im nächsten Jahr folgte ein radikaler Bruch: 1902: Theodor Mommsen, ein Chronist der Macht. In seiner Römischen Geschichte begegnet man der Monumentalität des antiken Roms. Die Verleihungsrede feiert ihn als „größten lebenden Meister der historischen Darstellung“, doch ich fragte mich mit Dostojewski im Sinne: Ist die Geschichte wirklich nur der Triumph der Starken über die Schwachen? Sein Buch langweilte mich ab einem Moment, denn seine Begeisterung für die Macht, für die Schlachten, für den Krieg fand ich so primitiv, dass ich beschloss, nach dem ich ca. die Hälfte oder zwei Drittel des Buches gelesen habe, das Buch wieder in den Regal zurückzustellen. Wir wissen ja wie Preußen sein Ende fand und wir wissen schon länger, dass wer mit dem Schwert wedelt vom Schwert auch erschlagen wird. Eine Liebe zur Macht und zur Gewalt zu entwickeln und zu leben, das war für eine längere Zeit auf unserem Planeten fast nötig gewesen um zu überleben und es ist auch heute gut sich diese im Geiste zu vergegenwärtigen um zu erkennen, dass wir Menschen keine Schmetterlinge sind, aber unser Leben der Macht und Gewalt zu widmen bedeutet es nichts anderes als unser Leben zu verfehlen und im niederen, dunklen Abyssen unserer Seele wie Säue, die sich im Schlamm wälzen, zu verbringen.

1903 war dann mit Bjørnstjerne Bjørnson ein ehrhafter und tiefgründiger Ausgleich. Der Norweger brachte die Frische der Fjorde kombiniert mit tiefen Gegensätzen zwischen christlicher Liebe und nordischer Härte in die Sammlung. Seine Erzählungen strotzen vor moralischem Ernst und so tiefgründigen Gefühlen der Wut und der Liebe, dass ich mich immer wieder stark mitgenommen fühlte und an manchen Stellen auch Tränen vergoss. In der Biografie erfuhr ich von seinem unermüdlichen Kampf für die nationale Identität Norwegens und die Ansiedlung der christlichen Liebe in dieselbe – er brachte wie kein anderer das Kreuz in die Hände der Vikinger und versuchte und schaffte es auch viele Mitglieder einer ganzen Generation die Liebe zu lehren. Was für ein Mensch und Schriftsteller, ich war erstaunt.

1904: Frédéric Mistral & José Echegaray. Ein geteilter Preis, ein Novum. Mistral mit seinem Epos Mireille besingt die provenzalische Heimat in einer fast vergessenen Sprache und mit einer Tiefe, die der von Bjørnstjerne Bjørnson gleicht, während Echegaray in seinen Meisterdramen die spanische Leidenschaft auf die Bühne bringt. Zwei Extreme: Die Verwurzelung im Boden gegen das Feuer des Theaters, beide Bücher brachten mir in großem Umfang eine solche seelische Gaumenfreude, dass ich sie kaum aus den Händen lassen wollte. Echegaray brachte mit seinem unvergleichlichem Drama einen geistigen Kampf zwischen Miguel Servet als Gejagtem und Calvin und seinem Handlanger Walter als den Jägern dermaßen euphorisch und zugleich tiefgründig und dramatisch ins Leben und vertiefte sich dabei so meisterhaft in die Liebe, in den Hass und in die Bosheit, indem er den leiblichen Sohn des Jägers, der die Identität des Vaters nicht kennt und umgekehrt, zum geistigen Sohn des Gejagten machte, dass ich das Gefühl hatte mittendrin zu sein und die Schicksale seiner Helden zu teilen. Ein unvergängliches Werk, ebenso wie das Werk von Mistral, der mit Mireille nicht nur vom Paris-Zentralismus flüchtet und die Regionen stärken will sondern auch die Tiefen des weiblichen Herzens erforscht indem er das verliebte Mädchen, dessen Eltern den Jungen wegen dem Standesunterschied, Zukunftsperspektiven und Armut ablehnen, in ihrem Leid zwischen Herz und familiärer Pflicht zeigt und sie eine dramatische, fast mythische Pilgerreise zu einem Kloster unternehmen lässt um Antworten zu suchen.

In 1905 kam der erste mir bekannte große Meister, Henryk Sienkiewicz, der mit "Quo Vadis?" als ein Gigant der Literaturgeschichte die Nobel-Bühne betritt. Ich konnte es kaum erwarten sein Werk zu lesen, dass ich in der Jugend schon beschloss mir auszusparen für eine spätere Zeit und wie gut war diese Entscheidung. In der Einleitung wird seine „epische Kraft“ gewürdigt und sein Buch ist die ewige Konfrontation zwischen dem Geist (dem frühen Christentum) und der rohen Gewalt (Nero) – ein Thema, das sowohl Echegaray meisterhaft behandelte, als auch Dostojewski während seines gesamten Lebens bis ins Mark erschüttert hatte. Sienkiewicz zeigt uns, in dem er die großen Heiligen Apostel der christlichen Kirche aufleben und ihre Liebe mitten in Rom in einer solchen Tiefe ausleben lässt, dass das Wort auf ewig sehr viel mächtiger bleibt als das Schwert. Dieses Buch ist mit Abstand eines der besten, dass ich bisher gelesen habe und so gern hätte ich mit Sienkiewicz persönliche Zeit verbracht und philosophiert, diesem polnischen Edelmann, der vorzüglich die römische Geschichte und Kultur gekannt hat und eben auf Basis dieses Wissens seine Liebesgeschichte so meisterhaft platzieren und erzählen konnte.

1906: Giosuè Carducci. Dieser „Sänger der Nation“ aus Italien, mit dessen Oden ich die Bekanntschaft machte, stand für eine Auflehnung gegen die Dunkelheit und ein Loblied auf das Licht der Renaissance. In seinem Werk ist der Stolz eines Geistes zu spüren, der sich weigert, vor dem Unvermeidlichen zu knien und so sehr dachte ich während ich seine Zeilen las an die Tatsache, dass die Renaissance, genau wie der Kommunismus später, nie ein global gelebtes Phänomen wurde und nie alle Kulturen auf der Welt in gleicher Intensität traf. Der sog. globale Osten kennt keine Renaissance sowie der globale Westen den Kommunismus nicht kennt, außer in Theorie und als etwas was in der anderen Hemisphäre die Gesellschaften verändert hat. Wir brauchen solche Dichter wie Carducci wieder, aber Dichter für die Menschheit, Dichter die sich in tiefer Kenntnis unserer gespalten Welt ermutigen nicht nur zu einer Synthese aufzurufen sondern zu mehr, denn mehr ist nötig für die Entwicklungen.

1907: Rudyard Kipling. Ein weiterer Gigant, aber dieses Mal von einer gänzlich anderen Natur, ein verlorener Junge in der Welt, ein Suchender und ein Kämpfender zugleich, den ich über Mogli und das Dschungelbuch ein wenig schon aus der Kindheit kannte um während meiner Jugend bereits zu lernen, dass sich hinter ihm sehr viel mehr verbirgt. Dieser Weltreisende, war der erste Brite, der den Nobelpreis erhielt und verbrachte sein Leben in der hautnahen Erforschung vieler Kulturen, welche die Briten kolonialisierten und als ein in der Politik tatkräftig Mitwirkender Mensch und Denker, der jedoch bis an sein Lebensende viel mehr mit sich selbst und seinem eigenen Geist und ihren Tiefen beschäftigt blieb. Seine Dschungelbücher und nicht nur ein Dschungelbuch, bilden zum einen eine ganze Reihe unterschiedlicher für sich selbst stehender und fantastischer Geschichten sowie natürlich mit Mogli eine ganze Geschichtsreihe, die ich als die eigene geistige Entwicklung Kiplings betrachte. Wie Nietzsche, der es probierte in Zarathustra sein Herz in Erscheinung treten zu lassen und in seiner Biografie, im Ecce Homo, zugab selbst Zarathustra zu sein, so empfinde ich Mogli als Rudyard Kipling selbst und finde es sehr schade, dass in der breiten Öffentlichkeit diese lange und vielschichtige Geschichtsreihe über Mogli größtenteils auf eine einzelne und in vielen leider veränderte Geschichte reduziert wurde. Mogli wird z. B. sehr guter Freund mit der Schlange Ka, um nur einen der sehr vielen Details zu erwähnen. Kipling war ein Meister der Erzählung, der uns nicht nur zeigte, dass das „Gesetz der Dschungel“ überall herrscht, ob im Londoner Club oder im indischen Urwald, sondern auch, dass die Briten im Endeffekt ein Wolfsvolk waren und das bleiben.

Mein Fazit nach dem Lesen der Bücher aus den ersten sieben Jahren besteht darin, dass ich, wenn ich die Verleihungsreden dieser Jahre nebeneinanderlege, ein Muster erkenne: Das Komitee suchte nach dem „Ideal“, nach der moralischen Festigkeit in einer Welt, die bereits zu wanken begann. Von Prudhommes Innerlichkeit bis zu Kiplings imperialer Weite ist es eine Reise durch die Sehnsüchte des ausgehenden 19. Jahrhunderts und eine, in vielem ahnende, Vorbereitung auf die Schrecken des 20. Der menschliche Appetit nach Macht und Zerstörung, den wir zwar als primitiv empfinden können, und ich tue das vielleicht noch mehr als andere, hört nicht auf und darf nicht ignoriert werden. Ich erkannte mittlerweile, dass er in vielem mit seelischen Verletzungen und seelischen Erkrankungen zu tun hat und dass Menschen sich insbesondere deshalb um Macht bemühen, weil sie sich aus Machtpositionen heraus die Genesung erhoffen über die Möglichkeit eben viel Seelennahrung zu kosten und sich wieder in Ordnung zu bringen und ich hoffe in unserer heutigen Zeit werden die Fülle an Möglichkeiten, vom Fernsehen bis zur künstlichen Intelligenz großflächig diesen Hunger befriedigen können, ohne das es erneut zu großen Kriegen und Zerstörungen kommt. Ich hoffe das, aber ich glaube es immer weniger, denn wir Menschen sind nicht nur keine Schmetterlinge, wir scheinen wohl hungriger und zerstörerischer als die Dinosaurier und die Haie zusammen zu sein. Jesus Christus benannte, wie auch die Römer, unseren Durst nach Blut und Hunger nach Fleisch und während Jesus Christus sich selbst gab, sein Blut und Fleisch und dazu aufforderte dieses auf ewig, wenn es dunkel wird, wie einen Abendmahl einzunehmen, gestalteten die Römer die blutigen Spiele in den Arenas um diesen gleichen Durst und Hunger zu stillen. Zwei Methoden, zwei Antworten auf dieselbe Frage, die nicht so sehr "was ist der Mensch" lautet sondern "was ist im Menschen". Unsere heutige Zeit ist geprägt von Versuchen diese unsere Natur und diese unseren Bedürfnisse zu leugnen und das kann nicht gut ausgehen.

Ich bin dankbar viel über und von den Autoren der ersten 7 Jahre gelernt zu haben, aber noch mehr lernte ich über die Menschen, die sie auszeichneten. Nun warten die nächsten Bücher, angefangen mit Rudolf Eucken, einem weiteren Philosophen in der Nobel-Runde. Ich bin gespannt.

Der Funke einer Illusion

Es ist ein kurioser Makel unserer menschlichen Natur, dass wir unseren Augen als ehrlichen Boten vertrauen, obwohl sie in Wirklichkeit eher Geschichtenerzähler sind, die oft das, was wir sehen, nach unseren tiefsten Wünschen formen. Die alten Griechen wussten schon, dass unsere Augen uns häufig täuschen, Descartes hat dies in seinen Meditationen wieder aufgegriffen, und moderne Wissenschaftler sind sich der Unzuverlässigkeit unserer Augen – und vor allem unseres Gehirns, das interpretiert, was die Augen sehen – meist genauso bewusst wie der Tatsache, dass Wasser bei 0 °C gefriert. Und dennoch glaube ich, dass viele von uns die Macht, die Illusionen haben können, die unser Gehirn uns durch die Augen sehen lässt, stark unterschätzen und Zauberkünstlern und sonstigen Illusionisten überlassen. Illusionen können und tun dabei in unseren Seelen so mächtige Funken entzünden, dass aus diesen das Feuer unserer Schicksäle wird.

Nehmen wir meine Zeit auf den weiten Hochebenen Colorados: Ich sah einen unglaublich großen silbernen Mond – den die Wissenschaftler einen leblosen Felsbrocken nennen, der Hunderttausende Kilometer entfernt ist –, der so riesig und nah erschien, dass ich das Gefühl hatte, ich könnte ihn fast mit meinem Spazierstock berühren. In meiner Jugend wurde diese Ansicht zu einer Reflexion: Wenn der Mond hier im Westen der USA sich so anfühlt, als läge er nur jenseits des nächsten Hügels, dann ist es auch nachvollziehbar, warum die Menschen in Amerika den Wunsch erhielten ihn zu erreichen.

Wir alle werden von unserer Umgebung geprägt und in den engen, bewaldeten Tälern Europas ist der Mond eine bescheidene Erscheinung, ein einfacher „Punkt am Nachthimmel“, der erst hell leuchtet, wenn er hoch und einsam steht. So nahe am Horizont sehen wir ihn praktisch nie. Der Mond ist natürlich sehr weit von unserem Planeten entfernt, und es spielt keine Rolle, von welchem Kontinent oder Land aus wir ihn betrachten – die Entfernung ist praktisch immer gleich. Und doch hängt unsere Wahrnehmung davon ab, in welcher Umgebung wir ihn sehen. In der weiten amerikanischen Westlandschaft täuscht die Größe des Landes das Gehirn dazu, den Mond als etwas Großartiges und vielleicht sogar Nützliches zu sehen. Wenn der Mond dann hinter einem himmelhohen Berg aufgeht, lässt unser Geist ihn nicht ein fernes Pünktchen bleiben sondern transformiert ihn zu einem Ziel, das wir verfolgen können. Genau da hört die „Mond-Illusion“ auf, ein bloßes Gedankenspiel zu sein, und entfacht echten menschlichen Mut.

Milutin Milanković, mein Namensvetter in Bezug auf unsere Vornamen, war ein scharfsinniger Denker, der die langsamen Tänze der Erde kartierte – ihre Neigungen und Bahndehnungen, die unsere Jahreszeiten bestimmen – und der seine Tage damit verbrachte, Zahlen auf kosmischen Skalen zu knacken, die Jahrtausende umfassen, weit über ein einzelnes Menschenleben hinaus. Doch selbst ein Genie wie er würde zustimmen, dass für jemanden, der im Staub steht, das, was sich echt anfühlt, entscheidend ist. Wenn der Mond von der felsigen Wüste in Colorado aus erreichbar scheint, dann deshalb, weil die Welt um uns herum eine Bühne schafft, die groß genug ist, um unsere Neugier zu befeuern. Es fühlt sich real an – und wird schließlich real, indem wir es zur Realität werden lassen.

Kein Wunder, dass das Kino, dieser moderne Traumweber, diese Vergrößerung so liebt. Stellen Sie sich den Jungen aus E. T. und seinen Besucher aus den Sternen vor, silhouettiert vor einem Mond, der so gewaltig erscheint, dass er für Augen der Menschen aus Europa jeder Logik widerspricht. Spielberg, dessen Name aus den zwei deutschen Wörtern „Spiel" und „Berg“ besteht, fand in Kalifornien die perfekte Kulisse für seine Aufnahme und trickste unsere Augen ein wenig aus, indem er die Kamera sehr weit entfernt positionierte und heranzoomte, um den Mond noch etwas größer wirken zu lassen – obwohl ich betonen muss, dass der Mond in meiner Erinnerung und Erfahrung in Colorado noch größer war als in Spielbergs Film. Das ist nicht der kalte, vermessene Mond des Astronomen, sondern der, der an unseren Gefühlen zerrt – der freundliche Nachbar, den wir besuchen möchten.

Montaigne fragte oft „was weiß ich?“ –, wie ich es auch tue, wenn ich vor mich hin reflektiere. Unser Gehirn, diese klugen Maschinen die Geschichten erfinden, scheint sich oft mehr um Gefühle und um das Machbare zu kümmern als um das strenge und exakte. Wir haben Raketen zu jenem leuchtenden Felsbrocken geschickt, nicht weil wir die exakte Entfernung perfekt berechnet hatten, sondern weil er von der richtigen Stelle aus nah genug zum Greifen erschien.

Watson verpasst in dem Witz mit Sherlock Holmes, den ich auf meiner Website habe, das gestohlene Zelt, weil er sich in Sternenfakten und Staunen verliert. Die kühnen Tricks unserer Augen treiben uns oft zur Ambition, aber echter Fortschritt entsteht durch das Verbinden von Blickwinkeln: die Präzision des Wissenschaftlers mit der Reichweite des Träumers, die maskuline, phallische Energie mit der femininen, erdenden Kraft und natürlich unsere östliche Vorliebe für Gefühl mit der westlichen für Fakten.

Welche fernen Träume können wir als Nächstes in gemeinsame Realitäten verwandeln, welche Illusion weben die uns alle emporhebt zu einer neuen echten Ebene in dieser unserer unergründlichen Realität?

Die Quelle(n) der Wahrheit?

Machen wir uns Gedanken dazu, wer in unserer Welt im Zusammenhang mit der aktuellen Politik und dem gesellschaftlichen Geschehen die Wahrheit schreibt und wer Lügen erzählt, kommen wir früher oder später zum Fazit, dass es eigentlich gar nicht so sehr um Wahrheit oder Lügen geht, sondern viel mehr um die erzählten Geschichten und Perspektiven. Kaum eine Geschichte und Perspektive ist dabei vollständig wahrhaftig bzw. kaum eine ist komplett erlogen. Überall befindet sich, in anderen Worten, etwas wertvolles, wenn wir auf dem Weg sind, auf der Suche, nach einem Verständnis der aktuellen Politik und des aktuellen gesellschaftlichen Geschehens.

Obwohl ich mir selten die Zeit nehme um mich hierüber zu informieren, denn zu viele Informationen aus diesen Sphären unseres Lebens sind in der Tat nicht nötig, ja auch nicht erwünscht für ein glückliches und erfülltes Leben, so nutze ich diese wenige Zeit, die ich mir nehme, schon seit vielen Jahren auf ein ganz bestimmte Art und Weise bzw. ich habe, um mich zu informieren über die aktuelle Politik und das gesellschaftliche Geschehen, ein spezielles modus operandi entwickelt. Da ich diesen modus operandi sehr schätze und über ihn jeweils nicht nur eine Bereicherung erfahre, sondern mich auch befähige der aktuellen Politik und dem gesellschaftlichen Geschehen beizutragen, wollte ich diesen modus operandi zugänglich machen. Wir Menschen wollen und müssen schließlich der Gesellschaft beitragen, denn nur gemeinsam, nur zusammen, können wir in dieser gefährlichen und oft unfreundlichen Realität überleben und uns in ihr weiter behaupten.

Ich nehme, wenn ich jeweils den Hunger nach diesen Informationen erhalte, die Welt ins Visier und betrachte sie durch ein Kaleidoskop von Stimmen. Konkret schaue ich mir zum einen die Webseiten der serbischen Blätter "Politika" und "Danas" an, dann der deutschen "Spiegel" und "FAZ", der britischen "Guardian" und "BBC", der amerikanischen "CNN" und "Fox News" und schließlich der russischen "Moskovskaya Gazeta", der chinesische "People's Daily" und der indischen "Times of India", um einige zu nennen. Ohne die tüchtige Ausübung des ehrenwerten Berufs von Journalisten in politischer Position und Opposition, wären diese internationalen Wanderungen für mich gar nicht möglich. Natürlich gibt es auch unter den Journalisten allerlei Menschen, aber so ist es in jedem Beruf, wobei dieser in unserer heutigen Zeit unter großem Druck steht sich zu wandeln. Ich spreche verschiedene Sprachen, aber merke heute werden diese Webseiten alle auch zügig und automatisch in Sprachen nach Wahl übersetzt, d.h. diese Art der Wanderung auf der Suche nach Verständnis ist jedem zugänglich. Genau das ist auch die entscheidende Aufgabe guter Journalisten, nämlich die Leser sauber mit Fakten und verschiedenen Gefühlen Betroffener zu versorgen, sodass mach dem Lesen als Konsequenz ein Verständnis entstehen kann. Die Aufgabe ist es selbst unsichtbar zu bleiben, wie ein guter Schiedsrichter in einem Fußballspiel, ohne den das Spiel unmöglich ist, der aber nur dann richtig gut seine Arbeit macht, wenn er kaum auffällt. Das politische und gesellschaftliche Spiel ist kein Spiel, sondern das reale Leben, aber es hat ähnlich zu einem Spiel auch eine Struktur und eine Rollenverteilung und so vollzieht es sich zwischen den Lauten und den Leisen Mitgliedern der Gesellschaft. Die Arbeit der Journalisten besteht darin sowohl die Lauten vorzustellen und ihnen dabei auf die Finger zu schauen als auch die Leisen immer wieder etwas lauter zu machen. Natürlich geht es auch darum diejenigen ins Licht zu bringen, die im Schatten agieren, was eine enorm wichtige und oft gefährliche Arbeit darstellt, die aber gemacht werden muss, denn ohne sie ist vieles in unseren Politiken und Gesellschaften gefährdet. Wir Menschen sind eben keine Schmetterlinge.

Ich besuche natürlich auch Webseiten aus anderen Ländern manchmal, um zu lesen was dort die Journalisten schreiben und die politischen und gesellschaftlichen Akteure sagen, insbesondere wenn in diesen Ländern etwas geschah. Ich bemühe mich dabei in den meisten Ländern jeweils Stimmen der politischen Position und der Opposition wahrzunehmen.

In Bezug auf meine philosophischen und religiösen Gedanken tue ich dabei das komplette Gegenteil - wie Seneca und viele andere geraten haben und auch ich allen künftigen Denkern raten will, soll man nicht in der Menge der Autoren schwelgen, sondern in der Tiefe einiger weniger. In Bezug auf die Politik und das gesellschaftliche Geschehen jedoch tue ich, wie ich nun begann zu schildern, as Gegenteil: ich sammle nicht Tiefen, sondern Breiten.

Was sind Politik und Gesellschaft, wenn nicht ein ständiges Probieren, ein Tasten nach Wahrheit in den Schatten der Meinungen? Wir lesen über die Politik nicht, um zu wissen, was ist, sondern um zu spüren, ob das was scheint auch wahr ist – und in diesem Schauen der vielen Scheine enthüllt sich uns manchmal der Umriss des Wahren.

In der Stille meines Arbeitszimmers, rufe ich diese Seiten auf, prüfe verschiedene Perspektiven in verschiedenen Staaten und die Welt entfaltet sich vor mir wie ein Garten mit vielen Blumen, von denen jedoch nur zwei wirklich zählen: Die einen duften süß nach Liebe und Freiheit, die anderen bitter nach Angst und Macht. Früher war solch ein Zugang zu Informationen den wenigen vorbehalten – den Fürsten mit ihren Boten, den Gelehrten mit ihren Bibliotheken. Heute, durch die Magie der Maschinen, liegt dieser Zugang jedem offen, der nur die Hand ausstreckt. Und doch, wie seltsam ist es, dass so wenige danach greifen? Oder ist es das?

Betrachten wir die Seele von uns Menschen, einer wankelmütigen Kreatur. Wir könnten von der Trägheit sprechen, jener acedia, die uns in der Bequemlichkeit wiegt. Der Geist sucht den Pfad des geringsten Widerstands, wie Wasser bergab fließt. Widersprüchliche Berichte zu lesen – den Ukraine-Konflikt als Triumph in russischen Lettern, als Tragödie in westlichen und als zunehmend irrelevant und uninteressant überall sonst auf der Welt, wo man selbstverständlich mit eigenen Problemen viel mehr beschäftigt ist – erzeugt jene innere Unruhe, welche die Alten dissonantia nannten, ein Zwiespalt, der schmerzt wie ein Splitter im Fleisch. Der Mensch, faul wie er ist, meidet diese Arbeit; er wählt die sanfte Lüge der Bestätigung, den Weg des geringsten Widerstandes, auf dem jede Nachricht sein eigenes Bild poliert. Und die modernen Apparate, diese Algorithmen, die wie unsichtbare Diener arbeiten, verstärken es: Sie füttern uns mit dem, was wir lieben, bis unsere Welt schrumpft zu einem Spiegelkabinett, in dem nur das Eigene widerhallt.

Doch ist es nur Trägheit? Nein, da mischt sich auch der Stolz, jener alte Feind der Weisheit. Wir klammern uns an unsere Narrative wie an Reliquien, denn sie formen unsere Identität: "Ich bin der Liberale, der Konservative, der Patriot..." Eine fremde Sicht einzunehmen fühlt sich an wie Verrat – an sich selbst, an der Sippe.

Die Alten wussten das: Sokrates trank den Schierlingsbecher, weil er die Stadt herausforderte, ihre Blasen zu verlassen, zu durchstechen. Und heute? Manche Journalisten, die man so gar nicht nennen durfte, und oft auch die politischen Kämpfer selbst nähren leider diesen blasenartigen Tribalismus, indem sie den Anderen als Lügner brandmarken. Misstrauen blüht, wo Vertrauen und Auseinandersetzung welken sollten. Sprachen und staatliche Grenzen tun ihr Übriges; sehr viele Menschen, gefangen in ihrer Zunge, hören nur das Echo ihrer eigenen Kammer.

Aber wir wollen uns nun zu den Früchten wenden, die derjenige erntet, der durchhält und die Vielfalt wagt. Ach, welch ein Gewinn! Nicht in Gold oder Ruhm, sondern in der Erweiterung der Seele. Indem man erkennt, dass Narrative keine Ketten sind, sondern Fäden in einem Gewebe, lernt man, sie zu mitzuweben, ohne eines zu zerreißen. Man muss nicht wählen zwischen verschiedenen, entgegengesetzten Blicken, nein, man trägt sie in sich, wie ein Reisender Karten aus verschiedenen Ländern. Diese Integration – ins Bewusste, ja ins Unbewusste – ist keine Last, sondern eine Befreiung. Unser Geist, elastisch wie Quecksilber, dehnt sich aus; kognitive Dissonanz wird zum Lehrer, nicht zum Peiniger. Ich denke an Epiktet, den Sklaven-Philosophen: "Nicht die Dinge quälen uns, sondern unsere Meinungen darüber." Indem wir viele Meinungen sammeln, mildern sie die Qualen jeder einzelnen, bis wir gar keine Qualen mehr verspüren und offen für alle Meinungen sind, aber zugleich auch fähig die gefährlichen und falschen schnell und zügig zu entlarven.

Was gewinnt man also? Zuerst eine tiefere Empathie: Man versteht den Anderen nicht als Feind, sondern als Spiegel eines anderen Lichts. Dann eine schärfere Urteilskraft: Wahrheit entsteht nicht aus Monolog, sondern aus Dialog der Geister. Und schließlich Freiheit – die wahre, innere Freiheit, die keine Blase duldet und die verängstigten und auch bösen Menschen, die Blasen schmieden und festigen, ziemlich sofort enttarnt. Ich habe mich geprüft, ich habe gezweifelt und ich habe mich gewandelt in Beziehung zu mir selbst; so tue ich es auch mit der Weltpolitik. Es ist der Weg der Skeptiker, der Stoiker: Akzeptiere die Vielheit, integriere sie, und erst dann wirst du ganz. Unsere Welt da draußen ist schließlich ziemlich laut und voll von allen möglichen Stimmen, wir müssen einen Weg finden sie zu hören, zuzulassen und dies auf eine für uns bereichernde Art und Weise.

Zum Schluss: In dieser gespaltenen Epoche der politischen Welt, die wie ein zerbrochener Spiegel erscheint, erscheint der Pfad der Vielfalt der einzig sinnvolle und auch gesunde. Er heilt die Seele von der Engstirnigkeit, stärkt sie gegen Täuschung und entlarvt überall die verängstigten und die Bösen und von denen gibt es, leider, sehr viele, überall. Die Alten lehrten: Nosce te ipsum – erkenne dich selbst. Aber in unserer Zeit ergänze ich: Erkenne die Welt in ihrer Vielfalt, und du erkennst dich wahrlich. So möge dieser Text dich inspirieren; nimm ihn, lerne aus ihm, kritisiere ihn, erweitere ihn, mache ihn dein eigen.

2025

Mütter Veto: Kein Krieg ohne unsere Unterstützung

Es obliegt uns Philosophen, öfter als wir es uns wünschen mögen, auf eine bessere politische Zukunft für uns alle hinzuweisen – eine Aufgabe von außergewöhnlicher Schwierigkeit, wenn man mit den entsetzlichen Ereignissen konfrontiert ist, die sich auf unserem Planeten abspielen, und mit der tiefen Potenzialen zum Bösen, die in unseren menschlichen Seelen wohnen. Unter all den Übeln in unserer Welt, auf die wir gut verzichten könnten, gibt es eines, das mich seit Langem beschäftigt: das Übel, das wir Krieg nennen.

Es ist schwer zu schätzen, wie viele es bisher in der Menschheitsgeschichte gab, aber man spricht von 10.000 bis 11.000 Schlachten, die bei Definition nicht dasselbe sind wie organisierte Kriege, aber auch nicht weniger grausam. Es gab praktisch kaum eine Zeit in der Geschichte der Menschheit ohne Kriege, eine vielzitierte Zahl spricht von insgesamt ca. 268 Jahren ohne Kriege in den letzten 3500 Jahren, d.h. 92% der Zeit gab es irgendwo Krieg und 8% der Zeit nicht. Da erscheint es fast frech oder sogar idiotisch zu sein, sich eine Menschenwelt ohne Kriege vorzustellen?

Kriege sind dabei gänzlich unser eigenes Werk. Wir zwingen einander, Mitmenschen auf dieser Erde zu töten, und wir haben dies offenbar ununterbrochen und wiederholt getan, seit die Geschichte aufgezeichnet wird – und lange zuvor. Ich frage dennoch, wie beenden wir Kriege? Und können wir sie ein für alle Mal beenden? Ich habe früher vorgeschlagen, Referenden über Kriege einzuführen, um Politiker mindestens in der demokratischen Welt an den Willen ihres Volkes zu binden, wenn es um Entscheidungen geht, Kriege zu beginnen oder sich ihnen anzuschließen.

Man könnte sich natürlich auch Gedanken über Identitäten machen, die sich stärken und dann greifen Menschen eher nicht ihresgleichen an, aber wir kennen alle auch Zivilkriege, d.h. das wird auch nicht richtig helfen. In der Zwischenzeit habe ich eine noch einfachere Wahrheit erkannt, die viel zu lange ignoriert wurde: Niemand hat mehr auf dem Spiel in der Frage des Krieges als die Mütter, die Leben in die Welt bringen.

Wir alle wissen, dass jeder Krieg Söhne und Töchter ins Feuer schickt. Wir alle wissen, dass jeder Krieg Kinder zu Waisen macht, sie traumatisiert, sie vertreibt und gleichzeitig die Luft, das Wasser und den Boden vergiftet, die die nächste Generation erben wird. Dennoch sind die Stimmen, die entscheiden, ob diese Zerstörung entfesselt werden soll, überwiegend männlich – geprägt von jahrhundertelangem Denken, das junge Männer als aggressive Akteure und entbehrliche Ressourcen betrachtet und territoriale Expansion als zu erringende Preise ansieht.

Sind Frauen friedliebender als Männer? Natürlich nicht. Wenn wir an Haie denken, ist es gleichgültig, ob der Hai weiblich oder männlich ist – er tötet, um sich zu ernähren. Wir Menschen sind vielleicht keine Haie, aber auch keine Schmetterlinge. Im Sinne der Aggression und des Bösen in uns gibt es grundsätzlich keinen Unterschied zwischen Männern und Frauen, obwohl einige Männer dafür bekannt sind, ihre eigenen besseren Eigenschaften auf Frauen zu projizieren, sie als makellos zu idealisieren, und einige Frauen dafür bekannt sind, diese Idealisierung auszunutzen, um Macht über Männer zu erlangen.

Die Geschichte zeigt uns, dass dies nicht immer zu schlechten Ergebnissen geführt hat. In Teilen der Welt haben Frauen beispielsweise ihre grundlegenden Rechte – Wahlrecht, Bildung, körperliche Autonomie, Gleichheit vor dem Gesetz – weitgehend ohne Blutvergießen erkämpft. Sie haben sich organisiert, marschiert, geschrieben, sich enthalten und erduldet, bis die Welt sich ändern musste. Und die Welt hat sich geändert. Frauen haben gezeigt, dass Transformation im größten Maßstab durch kollektiven Willen und nicht durch kollektive Gewalt erreicht werden kann. Das ist es, was mich zu einem Unterstützer des Feminismus gemacht hat.

Haben Männer daraus gelernt? Nun, einige schon, aber bei weitem nicht genug.

Mir scheint, dass unsere Welt heute erneut diesen gleichen Geist braucht, doch höher gerichtet: auf die größte organisierte Gewalt ausgerichtet, auf das schlimmste Übel, das unsere Welt plagt – den Krieg selbst.

Wir wissen schließlich alle, dass Mütter keine Nationalität sind, dass Mütter keine Ideologie sind, dass Mütter nicht durch Linien auf Karten getrennt sind. Eine Mutter in Kiew trauert auf die gleiche Weise wie eine Mutter in Moskau, in Gaza, in Khartum, in Donezk, in Tel Aviv … Der Schmerz, ein Kind zu verlieren oder zuzusehen, wie ein Kind in Gefahr und Tod marschiert, überschreitet jede Grenze, natürliche wie ideologische. Mir erscheint dieses gemeinsame Erlebnis als die mächtigste transnationale Kraft auf Erden – wenn sie erweckt und vereint werden kann.

Noch einmal: Ich bin weit davon entfernt zu behaupten, jede Mutter sei eine Heilige. Auch behaupte ich nicht, jeder Mann sei ein Kriegshetzer. Doch die Erfahrung, Leben zu tragen, es in seiner Verletzlichkeit zu nähren, im Innersten zu wissen, was auf dem Spiel steht – das schafft einen tiefen Instinkt zur Erhaltung. Studie um Studie zeigt, dass Frauen durchgängig weniger Unterstützung für militärische Eskalation äußern als Männer. Wenn Frauen in Friedensverhandlungen einbezogen werden, erweisen sich Abkommen als dauerhafter. Wenn Mütter mit einer Stimme sprechen, hören Regierungen zu.

Daher bin ich zu dem Schluss gekommen, dass es ein weiteres Frauenrecht, ein Mutterrecht, gibt, das wir etablieren müssen.

Ein Recht, das zugleich eine klare und kompromisslose Botschaft ist:

Mütter-Veto: Kein Krieg ohne unsere Zustimmung.

In unserer Zeit erscheint es mir völlig natürlich, allen Müttern diese Vetomacht zuzugestehen. Mütter sollten Entscheidungen vetoen können, die ihre Kinder zum Töten und Sterben schicken. Mütter sollten auch sicherstellen können, dass ihre Kinder nicht als Kollateralschäden in Machtspielen behandelt werden. Fragen Sie sich: Sollten Mütter nicht in die Räume zugelassen werden, in denen Entscheidungen getroffen werden, die Generationen prägen?

Stellen Sie sich einen Moment lang Millionen von Frauen vor – über Kontinente, Sprachen, Glaubensrichtungen hinweg –, die die gleichen Worte teilen:

Mütter-Veto.

Können Sie sich vorstellen, wie Mütter die Legitimität jedes Führers entziehen, der Krieg statt Verhandlung wählt, Zerstörung statt Diplomatie? Können Sie sich vorstellen, wie Mütter sich heute organisieren, wählen, marschieren, sich enthalten – genau wie ihre Großmütter es für das Wahlrecht taten?

Ich kann es. Ich habe es mir vorgestellt. Ich habe mir ein Gesetz vorgestellt, das besagt, dass in jeder politischen Diskussion, in der Kriege debattiert und Entscheidungen getroffen werden, sie zu beginnen oder sich ihnen anzuschließen, ein bestimmter Anteil der Entscheidungsträger Mütter sein müssen (mindestens drei, mehr je nach Zahl der Teilnehmer). Eine Mutter sollte nicht länger als fünf Jahre zuvor geboren haben; eine sollte mindestens zwei Kinder im Teenageralter haben (zwischen 13 und 19); und eine mindestens zwei Kinder zwischen 18 und 25 Jahren – also im wehrfähigen Alter. Diese Mütter sollten neben dem Recht zu sprechen und abzustimmen ein Vetorecht besitzen, das an die einmal getroffenen Entscheidungen gebunden ist. Das würde sicherstellen, dass in den folgenreichsten Diskussionen und Entscheidungen, die wir je treffen – denen über Kriege auf unserem Planeten –, echte Macht in die Hände von Müttern gelegt wird. Diese Mütter würden zufällig ausgewählt, wie Geschworene vor Gericht. Weitere Details können verfeinert werden; der wesentliche Punkt ist, dass das Mütter-Veto sowohl auf eigentliche Kriege als auch auf jede kleinere oder größere militärische Aktion angewendet werden sollte, da oft solche Aktionen zu Kriegen führen.

Nachdem ich mir das vorgestellt hatte, wurde mir plötzlich klar, was für eine wunderbare Welt das wäre. Und nun kommt mir der Gedanke, dass vielleicht auch zumindest drei junge Menschen zwischen 18 und 25 Jahren – jene, die zum Kämpfen geschickt würden – eine Stimme und ein Veto erhalten könnten, im Geiste eines „Vetos junger Menschen“.

Irgendwie jedoch setze ich in diesem Moment größeres Vertrauen in die Mütter. Und so frage ich mich: Wenn Mütter rund um die Welt von dieser Idee hören, werden sie sie an andere Mütter weitergeben und dieses Vetorecht für sich selbst einfordern?

Oder werden Mütter entscheiden, dass es ihnen gleichgültig ist, wer heute und in Zukunft diese größten und folgenreichsten Entscheidungen über Leben und Tod ihrer Kinder trifft?

Die vergessene Königin

Wenn ich auf unsere Zeit heute blicke und wohin wir uns alle als Menschen bewegen und wenn ich in Deutschland wandere, bemerke ich, dass die Kirchen immer leerer werden und die Orgel, einmal die Königin der Instrumente, in Vergessenheit gerät. Ich bin als orthodoxer Christ in Serbien aufgewachsen und seit ich in Deutschland lebe und später viele andere Länder des sogenannten globalen Westens besucht habe, wundere ich mich immer wieder über die Kirchenorgel, dieses Instrument, das in orthodoxen Kirchen nicht existiert.

In der orthodoxen Welt singen Chöre, und Instrumente sind verboten. Der Klang der Stille und wunderschöner Stimmen erfüllt seit Jahrtausenden die orthodoxen Kirchen, und in allen orthodoxen Klöstern singen die Mönche nachts in ihren Kirchen, während die meisten anderen Menschen schlafen. Wie alle orthodoxen Christen und Freunde der orthodoxen Kirche wissen: Solange diese Welt besteht, werden Mönche in den Klöstern nachts singen und beten und ihre Kirchen mit betörenden, tiefgeistlichen Klängen erfüllen.

In Deutschland entdecke ich nicht wenige Menschen, die aus verschiedenen Gründen, in ihren Gemeinden ihre Orgeln pflegen, restaurieren, auch neue bauen lassen. Diesen Menschen in den Gemeinden sowie den wenigen Orgelbauern aus unserer heutigen Zeit und den Organistinnen und Organisten widme ich diesen Text, schreibe ihn aber nicht für sie, sondern für alle anderen, welche weder die Orgel noch die Orgelmusik näher kennen und verstehen.

Es gab eine Zeit, da war die Orgel das gewaltigste Ding, das Menschen je gebaut hatten. Kein Schiff, kein Dom, keine Kanone kam ihr an Komplexität und an schieren Ausmaßen gleich. Tausende Pfeifen, Dutzende Register, mehrere Manuale, ein Pedal, das die Füße zum Tanzen zwang, und alles mechanisch, durch Luft in Bewegung gesetzt. Wenn sie ansprach, bebte der Boden. Wenn sie schwieg, war die Stille danach größer als vorher.

In dieser Zeit, die eine Zeit ohne Lautsprecher, ohne Schallplatte, ohne Kopfhörer, ohne Telefon, ohne Video, ohne Internet und weiteres mehr war, in dieser Zeit war die Orgel das einzige Instrument, das einen Raum wirklich ausfüllen konnte, ja überfüllen konnte. Sie war das erste Surround-System der Menschheit, und sie stand fast immer in einer Kirche und war wunderschön gestaltet, verziert und oft vergoldet. Das war kein Zufall. Sie war gebaut worden, um etwas hörbar und sichtbar zu machen, das größer ist als der Mensch.

Der größte Diener dieser Königin war ein Thüringer mit Perücke, der fast sein ganzes Leben lang Organist blieb.

Johann Sebastian Bach hat nie ein Opernhaus regiert, nie vor Königen gekatzbuckelt, nie eine Sinfonie für den Konzertsaal geschrieben. Er prüfte Orgeln, spielte Orgeln, schrieb für Orgeln. Ein Viertel seines gesamten Werks ist Orgelmusik. Er improvisierte stundenlang, bis die Gemeinde erschöpft war und die Kerzen heruntergebrannt. Er ließ die Füße über das Pedal fliegen, als wären es Finger, und die Zuhörer berichteten, es habe geklungen, als spiele ein ganzes Orchester.

Dann starb er 1750, fast blind, und wurde still begraben. Siebzig Jahre lang wusste kaum jemand, was da eigentlich verloren gegangen war. Erst Mendelssohn grub ihn wieder aus, und Europa erschrak: Wie hatten wir das überhören können Heute ist es noch seltsamer. Wir können jede Note Bachs in Sekundenbruchteilen aus dem Internet ziehen, in Dolby Atmos, aus winzigen Lautsprechern, die in die Hosentasche passen. Und genau deshalb hören wir sie fast nie mehr richtig.

Denn Orgelmusik lässt sich nicht streamen.

Man kann sie aufnehmen, ja. Aber man kann sie nicht erleben.

Man muss mit ihr im Raum sitzen, am besten in einer der alten Bankreihen, die Orgel im Rücken (denn sie steht ja meist oben auf der Empore), die Augen zumachen und einfach nur zuhören. Dann geschieht etwas Seltsames: der Klang kommt nicht von vorne wie bei einem Orchester, sondern von überall und von nirgendwo. Er umfängt einen, dringt durch den Körper, lässt die Rippen und Schädelknochen mitschwingen. Man spürt die tiefen Register im Magen, die hohen Mixturen wie Lichtstrahlen im Hinterkopf. Und plötzlich ist man nicht mehr Zuhörer, sondern Teil des Instruments selbst.

Viele haben für die Orgel geschrieben, vor Bach und nach ihm: Frescobaldi, Buxtehude, Pachelbel, Böhm, Walther, Bruhns, Lübeck, Franck, Reger, Messiaen … gute, große, manchmal geniale Musik.

Aber Bach's Werk gleicht der größten musikalischen Wende in der Musikgeschichte.

Wir teilen die Musikgeschichte nicht in vor und nach Beethoven oder vor und nach Mozart. Wir teilen sie in vor und nach Bach.

So wie wir die Menschheitsgeschichte in vor und nach Jesus Christus teilen.

Das ist keine Übertreibung; das ist schlicht die Wahrheit, die sich jedem erschließt, der einmal eine Stunde lang mit geschlossenen Augen unter einer richtig gespielten Bach-Fuge gesessen hat.

Dann versteht man: Dies ist keine Unterhaltungsmusik.

Dies ist Forschung mit Tönen.

Dies ist Gebet in Mathematik.

Dies ist Philosophie in Klang.

Dies ist der Versuch eines einzelnen Menschen, das Unsagbare sagbar zu machen, das Unendliche in endliche Zeit zu fassen, das Göttliche zu berühren. Und das Schönste: zum Zuhören braucht man keine Vorkenntnisse.

Man braucht nur da zu sein, die Augen zuzumachen und sich fallen zu lassen in diesen Klang, der älter ist als das elektrische Licht und doch alles viel mehr zum Leuchten bringen kann.

Verstehen Sie mich? Ich wünsche mir keine Rückkehr ins 18. Jahrhundert. Nein, ich wünsche mir lediglich die Fortsetzung des Staunens.

Dass mehr von uns Menschen abends in die Kirchen gehen, uns in eine Bank setzen, die Augen zumachen und zulassen, dass ein einziger Mensch an einer einzigen alten Maschine aus Holz, Zinn und Luft uns zeigt, wie ein Herzschlag klingt, wie tief Gedanken sein können, wie unendlich eine Sekunde zwischen zwei Akkorden schweigen kann.

Denn wenn wir heute etwas brauchen, dann nicht noch mehr Bildschirme, sondern wieder ein Instrument, das größer ist als wir selbst. Dafür brauchen wir aber Menschen, die sich der Orgel wieder widmen und uns inspirieren uns zu beteiligen.

Wie Bach es tat.

Jeden Sonntag.

Sein Leben lang.

Die Orgeln warten. Die Pfeifen stehen, die Luft ist noch da.

Mehr Konzerte sollen stattfinden.

Mehr Menschen wollen sie besuchen.

Die Augen zumachen.

Die Seelen öffnen und staunen.


Der Regenwurm

An einem leicht regnerischen Tag in Stuttgart, lief der kleine 5-jährige Theodor in seiner blauen Jacke und mit seiner blauen Mütze auf dem Kopf mit seinem Vater von der Arztpraxis zur Bahn.

Er beschwerte sich viel über Kopfschmerzen und so machte sein Vater Termine bei verschiedenen Fachärzten um Theodor untersuchen zu lassen. Die Resultate waren gut und an diesem regnerischen Tag, sagte auch die letzte Fachärztin, alles sei in Ordnung mit Theodor. In der Zwischenzeit, denn auf Arzttermine wartet man in der Regel eine Weile, hatten auch seine Kopfschmerzen nachgelassen und so hatten auch Vater und Sohn eine gute Laune als sie auf dem nassen Fußweg Hand in Hand miteinander liefen. Sie beschlossen den Tag gemeinsam zu verbringen, denn nach 09.30 Uhr durfte Theodor nicht mehr in den Kindergarten kommen. Der Vater konnte zum Glück seine beruflichen Termine verschieben und machte sich nach der Änderung seines Tagesablauf mit seinem Sohn in Richtung Kinderbaustelle im Stadtpalais.

Theodors Vater wurde in Serbien geboren, seine Mutter in Russland, beide lebten in Stuttgart, der Vater war Philosoph, die Mutter klassische Musikerin. Sie erzogen Theodor und seine drei Geschwister, denn sie hatten vier Kinder, mit viel Liebe und widmeten Ihnen den größten Teil ihrer Lebenszeit. Plötzlich blieb Theodor auf dem mit vielen Wasserpfützen bedeckten Weg stehen, ließ die Hand seines Vaters los und bückte sich auf den nassen Boden. Er hob einen großen Regenwurm auf, der auf der Mitte des Weges lag, und brachte ihn zum Gebüsch am Rande des Weges. Als er das getan hat, rannte er zu seinem Vater und nahm ihn wieder in die Hand. Vater: "Was hast du denn da gerade gemacht?" fragte sein Vater sanft und verwundert, denn seine Augen wurden schon langsam schlecht und er konnte nicht genau sehen, was Theodor da auf dem Boden aufhob.

Theodor: "Ich habe, ich habe..." sprach Theodor mit leichtem Stottern vor Aufregung auf serbisch, denn er sprach mit seinem Vater nur auf serbisch. Vater und Mutter beschlossen mit den Kindern nur die Muttersprachen zu sprechen, denn Sprachen vermitteln die Gesamtheit einer Kultur und Kulturen sind der größte Schatz, den wir Menschen bisher auf diesem Planeten geschafft haben zu produzieren.

Vater: "Ganz ruhig, mein Sohn" sagte ihm der Vater und bückte sich um es Theodor leichter zu machen mit ihm zu sprechen.

Theodor: "Ich habe einen Regenwurm von der Mitte des Weges aufgehoben und ihn in das Gebüsch gebracht."

Vater: "Und warum hast Du denn das getan?"

Theodor: "Ich habe es getan, weil der Regenwurm es ansonsten nicht geschafft hätte zum Rand zu kommen und gestorben wäre."

Vater: "Bist Du Dir da ganz sicher?"

Theodor: "Ja, er war schwach, ich habe es gesehen, so habe ich ihm geholfen." Theodors Vater dachte nach. So viele Menschen gibt es auf unserem Planeten, die anderen Menschen nicht nur nicht helfen wollen, sondern sie zu fangen, zu manipulieren, auszubeuten, ja auch zu ermorden suchen und dennoch existiert auch Liebe in uns Menschen, eine Liebe, die, mindestens wenn wir Kinder sind, so groß ist, dass wir auch Regenwürmern helfen. Er überlegte ob er Theodor beibringen soll, dass Regenwürmer deshalb Regenwürmer heißen, weil sie beim Regen aus ihren Löchern rauskommen, aber erinnerte sich dann, dass Theodor dies sicherlich schon weiß. Er überlegte auch, wie dieser Instinkt, dem Regenwurm zu helfen und ihn zu retten, bei Theodor entstanden ist. Er erinnerte sich, dass sie im Garten immer wieder arbeiten und mit großer Vorsicht Regenwürmer in den Kompost bringen, denn sie sind wertvoll und verarbeiten den Kompost. Dies wird vielleicht ein wenig auch damit zu tun haben, dass Theodor ein großes Interesse an Tieren, Insekten und allen Lebewesen hat und bereits viele Male in Zoos war, in Naturkundemuseen sowie bereits alle Folgen von "Anna und die wilden Tiere", einer wunderbaren Kindersendung, die er manchmal schauen darf, angeschaut und eingeatmet hat. Er wusste bereits sehr viel über Tiere, in nicht wenigen Instanzen auch mehr als sein Vater - z. B. das Affen im Dschungel oft Eier von Krokodilen stehlen und essen. In jedem Fall beschloss sein Vater, dass dies etwas schönes war, was Theodor gerade getan hat, etwas dass Hoffnung gibt in unserer Welt. Vielleicht sind es Akte wie diese, die vielen Menschen aus vergangenen Generationen bisher Hoffnung gegeben haben und sie inspirierten an die nächsten Generationen zu glauben. Immer wenn Menschen untereinander gewalttätig werden und sich gegenüber der Natur unnötig zerstörerisch verhalten, verändert sich unsere Welt, aber sie verändert sich auch wenn wir gute Taten und Liebesakte in ihr umsetzen. Wir haben aber kollektiv noch nicht gelernt, dass wir alle eine Menschheit bilden und alleine im Universum auf diesem, unserem Planeten sind. Das fehlt uns, daran wollen wir arbeiten. Das zerstörerische in uns erkennen und kolonisieren, können wir dann im nächsten Schritt. Wenn wir jetzt andere Planeten kolonisieren, dann exportieren wir auf diese auch unsere Bosheit und das wird nicht helfen, dann gibt es Kriege auf verschiedenen Planeten und vielleicht auch zwischen diesen, und dies obwohl die Entfernung riesig ist. Aber was ist schon diese Entfernung für unseren Hass und unsere Bosheit? So fasste der Vater, nach seiner kleinen Gedankenreise, einen Entschluss. Er wusste was er Theodor sagen wird.

Vater: "Na dann, mein Sohn, hast Du heute eine gute Tat vollbracht."

Theodor: "Ja? Was ist das?"

Vater: "Eine gute Tat ist, wenn Du jemandem selbstlos hilfst. Du hast Dir Zeit genommen und hat den Regenwurm selbstlos vor dem Tod gerettet. Es hätte ja auch jemand auf ihn treten können."

Theodor: "Ja, das stimmt."

Vater: "Es ist schön, wenn wir Menschen den Regenwürmern, auch den Tieren und anderen Lebewesen helfen. Wir haben diese Liebe in uns, wir können das. Wir können vor allem auch unseren Mitmenschen manchmal helfen, weißt Du Menschen brauchen oft auch Hilfe."

So endete das Gespräch vom Vater und Sohn an diesem leicht regnerischen Tag im Jahr 2025 in Stuttgart. Es war dies ein Gespräch von sehr vielen, die nie aufgeschrieben werden, außer in der Seele des neuen Menschen, der Theodor heißt und eines Tages, so Gott dieser Realität das will, auch seinen Platz unter seinen Mitmenschen auf diesem blauen Planeten einnehmen wird, der sich unaufhörlich dreht.

Täuschung

Hunde bellen,

Fische schwimmen,

Menschen täuschen,

Katzen chillen.


Warum schwimmen, bellen,

täuschen und chillen,

die Fische, die Hunde,

die Menschen und Katzen?


Gibt es hierfür gute Gründe?


Höre doch und guck,

sie machen es

aus Angst, aus Spaß,

aus Ambition, aus Wut,

aus Not, aus Mut,

aus Langeweile,

auch wegen Druck,

Gründe gibt's genug.


Hast du kein Problem

mit Hunden,

mit Fischen und auch

mit Katzen?

Die Menschen aber,

die bringen dich

zum platzen?


Dann verrate ich dir

ein Geheimnis nun,

dann lehre ich dich,

was ist zu tun.


Weiß, jede Täuschung,

endet in Ent-täuschung,

wessen wird sie aber sein,

das entscheidest Du,

und Du allein.


Lass die Menschen täuschen,

lass die Fische schwimmen,

lass die Hunde bellen,

und die Katzen chillen.


Höre nur und guck,

Gründe gibt's genug.

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